| Schönen guten Abend Herr Dr. Schmidt! Meine kleine Tochter (2 Jahre) hat neuerdings das "Hauen" entdeckt. Möglicherweise ist der Grund dafür ihr kleiner Bruder (9 Monate), den sie sehr gerne auf den Kopf patscht. Zunächst machte sie das ganz offiziell.Inzwischen auch gerne dann, wenn sie meint ich sehe nicht hin. Ich habe das Gefühl, dass sie nicht verstehen will, dass man das nicht tut. Anfänglich habe ich erklärt, man solle nicht hauen, denn das tut weh. Dann hatte ich schon mal die Stimme erhoben, um das schlimmste abzuwenden, inzwischen muss ich gestehen gibts einen Klaps auf den Popsch, bevor sie in der Krabbelstube zum "Nachdenken" landet. In der Krabbelstube spielen sich dann immer die gleichen Szenen ab: Zunächst völliges Desinteresse, dann wird ihr fad und sie beginnt zu jeiern, dann brüllen, dann nach dem Flaschi schreien, dann Entschuldigung sagen (was aber nicht ernst gemeint ist). Wenn ich sie frage, ob sie denn weiß, WARUM sie jetzt denn in der Krabbelstube ist, gibt sie mir keine Antwort. Irgendwann tut sie mir dann so leid, dass ich sie wieder befreie und ihr nochmals den Grund für diese Strafe nenne (bis zum nächsten Mal halt ...) Am Spielplatz haut sie auch. Und zwar immer die Kleinen, was mir auch furchtbar peinlich ist. Heute sahen wir im Fernsehen ein kleines Baby, da sagte sie "Baby !!! Baby hauen!!!", woraufhin ich jetzt Ihren Rat suche. WAS soll ich Ihrer Meinung nach tun, damit diese Aggressionen gegenüber Kleineren verschwinden. Wenn ich Kinderparties veranstalte, stellt sie sich zum Eingang und sagt "Du nicht kommen" (wenn es ein kleines Kind ist) "Mitkommen" (wenn es ein größeres Kind ist). Ist das normal ? Mache ich was falsch ??? Vielen Dank! Lieben Gruß |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief. Es sind keine
"Aggressionen" bei Ihrer Tochter. Es ist vielmehr ihre
Verzweiflung, das Gefühl zu haben, bei Ihnen
"abgeschrieben" zu sein, seit der wunderbare kleine
Bruder da ist. Ihre Kinder haben einen geringen Altersabstand.
Das bedeutet für das ältere Kind besonders große Probleme, das
neue Geschwisterchen willkommen zu heißen. Die
Geschwisterrivalität wäre geringer, wenn der Altersunterschied
größer wäre.
Stellen Sie sich mal bitte folgende Situation vor: Ihr Mann kommt
morgen mit einer jüngeren, attraktiven Frau nach Hause und sagt
zu Ihnen: "Schatz, das ist Lisbeth, die ab sofort mit bei
uns leben wird. Sei bitte nett zu ihr!" Sie würden sich
sicher bedanken, nicht wahr? Aber genauso fühlte sich Ihre
Tochter, als der Bruder plötzlich ankam. Versuchen Sie dies
bitte ernsthaft zu verstehen.
Ihre "Große" muss mehr Einfühlung und positive Unterstützung von Ihnen bekommen, dass sie sich nicht abgeschrieben fühlen muss und dass sie den Bruder langsam, aber stetig lieben lernt. Geschwisterliebe muss erst wachsen. Leider gehen sie mit der Situation bisher recht ungeschickt um, indem sie Ihre Tochter auch noch dafür bestrafen, wenn sie ihre Verzweiflung zeigt. Das bestätigt bei ihr aber nur noch zusätzlich die Befürchtung, nunmehr abgeschrieben und ungeliebt zu sein, seit der Bruder da ist. Umso mehr wird sie ihn hassen und schlagen wollen.
Aus diesem Teufelskreis müssen
sie ihr rasch heraushelfen, indem Sie mit Strafen sofort völlig
aufhören und stattdessen Ihrer Tochter einfühlsam
näherbringen, dass es spaßig sein kann, einen Bruder zu haben.
Er ist oder war ja wie eine Puppe. Hat Ihre Tochter eine Puppe
bekommen, so, wie Sie ein Baby bekamen? Konnte Ihre Tochter sich
auf diese Weise mit Ihnen als werdende Mutter positiv
identifizieren? Wenn nicht, gehen Sie mit ihr in ein
Spielwarenhaus und suchen Sie mit ihr zusammen eine Puppe samt
Kleidung und Fläschchen und Bettchen aus. Dann wird sie auch
eine kleine Mutter und kann sich besser an den Bruder gewöhnen.
Sicher fallen Ihnen noch andere Möglichkeiten ein, Ihrer Tochter
zu helfen, den zunächst verhassten Bruder lieben zu lernen, ein
Leben lang.
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt