Sehr geehrter, Herr H.-R. Schmidt

ich habe ein großes Problem mit meinen Eltern und weiß nicht genau , wie ich reagieren soll.

Könnten Sie mir bitte einen Rat geben?

Hierzu muss ich allerdings etwas weiter ausholen.

Meine Mutter hat ein Problem mit ihrer Mutter die sie angeblich oft unterdrückt hat und sich in ihren Augen gegenüber Mitmenschen peinlich verhält, so dass sie sich in ihrer Vergangenheit oft dafür geschämt hat, was ich allerdings nicht so sehe. Auf der anderen Seite hat ihr meine Großmutter ermöglicht zu studieren, hat sie und ihren Mann ( der in beruflicher Hinsicht sehr erfolglos war und bis heute noch von meiner Mutter abhängig ist) großzügig finanziell unterstützt und war auch nie nachtragend. Meine Mutter zeigte sich ihr gegenüber selten dankbar und hielt ihr immer ihre Schwiegermutter vor, die immer besser gekleidet war und die angeblich wusste, wie man sich richtig benimmt.Diese Schwiegermutter hat aber meinen Vater und meine Mutter nie und in keinster Weise geholfen und sich oft über meine Mutter lustig gemacht. Meine Mutter konnte sich dagegen nie richtig wehren, weil sie dabei von meinem Vater keine Rückendeckung bekam. Sie hat darunter sehr oft gelitten.

Als meine Oma mütterlicherseits wegen einer schweren Krankheit ins Krankenhaus kam und mehrere Monate dort bleiben musste, besuchte ihre Tochter sie lediglich einmal. Meine Oma leidet heute noch darunter hat aber nie wieder ein Wort darüber verloren und hat sich auch nie gegen ein solches Verhalten gewehrt.

Meine Eltern haben mich autoritär erzogen und ignorierten bei Diskussionen meine eigene Meinung. Ich habe mich selten gegen sie aufgelehnt und vermeide Auseinandersetzungen mit ihnen, weil ich weiß wo sie enden.

Jetzt zum eigentlichen Problem :

Ich bin 31 und nun seit 10 Jahren mit meinem Mann glücklich zusammen und seit drei Jahren mit ihm verheiratet. Meine Eltern haben sich eigentlich gut mit ihm verstanden. Mit den Schwiegereltern weniger. Meine Mutter behauptete nach einiger Zeit es sei besser, wenn man nicht so viel miteinander zu tun habe. Die Schwiegereltern bemühten sich noch mehrmals mit Einlandungen um meine Eltern, was allerdings einseitig blieb. Nach einiger Zeit zogen meine Schwiegereltern aus beruflichen Gründen um und ließen uns gegen Miete in ihrem Haus wohnen. Was meine Mutter missbilligte. Sie sagte es sei unverschämt Miete dafür zu verlangen. Wir gingen nicht weiter darauf ein.

Das war vor etwa sieben Jahren.

Vor einiger Zeit entschlossen wir uns ein Kind zu bekommen. Vor einem halben Jahr wurde ich schwanger. Dies teilten wir natürlich voll Freude unseren Eltern mit. Die sich natürlich auch freuten. Nach einiger Zeit erfuhr ich von meiner Großmutter, dass meine Eltern jetzt schon eifersüchtig seinen, dass meine Schwiegereltern das Kind häufiger als sie sehen würden. Da sie nun wieder in der Nähe wohnen. Wir wohnen immer noch in ihrem Haus. Sie wohnen in einer Mietwohnung.

An meinem Geburtstag luden wir alle Eltern zum Essen ein, was sehr gezwungen ablief. Meine Eltern unterhielten sich meistens nur mit uns oder gar nicht. Zu guter Letzt machte meine Mutter noch eine unpassende Bemerkung über ein schreiendes Kind am Nachbartisch : „ Tja , da siehst du was bald auf dich zukommt.“ Ich war darüber sehr getroffen und antwortete: „ Das kommt auch auf dich zu.“ Sie sagte daraufhin: „ Ach, sollen wir jetzt etwa das Kind hüten?“

Ich ließ diese Bemerkung im Raum stehen , war aber sehr verletzt und auch mein Mann konnte es nicht verstehen. Zwei schlaflose Nächte später rief ich meinen Vater an und fragte ihn was das solle. Er sagte zuerst er habe das gar nicht mitbekommen und er könne sich das nicht vorstellen, da sie sich so darauf freuen würde. Außerdem sei sie an dem Tag sowieso nicht gut gelaunt gewesen. Daraufhin war die Sache für mich auch wieder erledigt.

Zwei Monate später entschieden mein Mann und ich uns eine Wohnung zu kaufen, in die die Schwiegereltern einziehen können, damit wir nicht ewig Miete zahlen müssen. Diese Lösung stand schon seit einigen Jahren im Raum und ich habe sie dummerweise auch damals meiner Mutter erzählt, die dies für völlig unsinnig hielt. Jedenfalls gaben uns die Schwiegereltern das bisher angesparte Geld von der Miete wieder zurück und liehen uns noch einen Betrag. Mit unseren eigenen Ersparnissen fehlte uns nicht mehr viel. Ich sprang also, mit einem sehr schlechten Gewissen, über meinen Schatten und rief meinen Vater an und bat ihn uns noch etwas zu leihen, damit wir keinen Kredit bei der Bank aufnehmen müssen. Ich besprach mit ihm, wie wir uns das gedacht hatten und bat ihn dies mit meiner Mutter abzusprechen. Er sagte er würde sich wieder bei mir melden. Nach einigen Tagen rief ich ihn wieder an ( er hatte sich nicht gemeldet) und bekam als Antwort, dass ich das vergessen könne sie würden meinen Schwiegereltern keine Wohnung kaufen. Ich stellte dies richtig, indem ich sagte sie sollten es uns nur leihen und die Wohnung ist auf uns überschrieben. Aber es blieb dabei.

Danach war drei Monate Funkstille. Dann rief endlich meine Mutter an und sagte ich solle mich bei meinem Vater melden, der völlig außer sich wäre und denkt er würde das Enkelkind nicht kennen lernen. Ich war völlig überrascht von diesen Äußerungen, da ich nichts dergleichen gesagt hatte. Auch habe ich nach ihrer Absage wegen dem Geld nicht negativ reagiert. Also rief ich meinen Vater an der über das Telefonat sehr erfreut war und schlug ihm vor gemeinsam ein Gespräch zu führen und endlich einige Dinge zu klären. Nach einigem hin und her besuchten uns dann meine Eltern. Was in einer Katastrophe endete. Sie sagten uns klipp und klar während des entstandenen Streitgesprächs, dass wir von ihnen kein Geld und auch sonst keine Hilfe zu erwarten hätten. Wenn sie sterben würden wäre noch genug übrig. Außerdem verdienen wir ja genug.

Wenn wir ihnen vorwarfen, sich z. B. unpassend geäußert zu haben ( wie bei dem Essen an meinem Geburtstag ), wurde dies damit abgetan, wir sollen uns nicht so anstellen wir wären empfindlich. Mein Mann und seine Familie wären sowieso nur darauf aus mich auszubeuten. Umgekehrt wurden Äußerungen unsererseits , besonders die von meinem Mann in der Vergangenheit als höchst bösartig und unverschämt angeprangert. Was wir aber nie so gesehen hatten und auch nie unsere Absicht war. Jedenfalls verließen meine Eltern nach dreiStunden wutentbrannt das Haus. Nach drei Tagen bekam ich von meinem Vater einen Anruf indem er mir mitteilte, dass meine Eltern mit meinem Mann und seinen Eltern nichts mehr zu tun haben wollen, wir aber natürlich gerne Kontakt halten könnten. Darüber regte ich mich sehr auf und sagte, dass ich das nicht akzeptieren würde, zumindest, was meinen Mann betrifft, zumal bald die Geburt von unserem Kind ansteht. Daraufhin sagte er, dann müssten er und meine Mutter sich eben anders orientieren und legte auf.

Nach einigen Tagen rief wieder meine Mutter an und versuchte mir noch einmal zu verdeutlichen, dass sich mein Mann bei dem Gespräch völlig daneben benommen hätte ( was ich allerdings nicht nachvollziehen kann) und dass meine Schwiegereltern, besonders meine Schwiegermutter frech und berechnend sei. Ich sagte ihr daraufhin, dass ich selbst darüber urteilen könnte, wer mich über den Tisch zieht und ich mich im Gegensatz zu ihr mich gegen meine Schwiegermutter zu wehren weiß. Hierbei finde ich übrigens immer Unterstützung von meinem Mann.

Natürlich warf sie uns wieder vor , dass es uns nur um Geld gehe. Ich stellte aber richtig , wir erstens kein Geld mehr brauchen, weil wir bereits einen Kredit aufgenommen haben und zweitens ,dass sie jede Art von Unterstützung ablehnen. Auch was mich betrifft. Beispielsweise möchte ich ein Jahr für mein Kind zu Hause bleiben. Natürlich können wir das finanzieren aber ich hätte mich auch gefreut, wenn meine Eltern gesagt hätten wir möchten euch gerne helfen. Daraufhin ist meine Mutter wieder völlig ausgerastet und sagte , das würde alles von meinem Mann ausgehen, er soll selbst für mich sorgen. Ich erklärte ihr , dass wir das ja auch können aber es hätte etwas Initiative von ihr ausgehen können. Das sieht sie aber nicht ein. Auch hat sie nicht einmal gefragt, ob wir noch etwas für das Kind brauchen. Sie sagte nur ihr seit ja nicht in Not wir könnten es uns selbst kaufen. Auch wäre ja noch Zeit bis zur Geburt. Ich sagte es geht hier nicht ums Kaufen, sondern einfach nur darum , dass man an die anderen denkt und etwas beitragen will.

Meine Mutter sagte dann auch noch, dass mein Vater , damit er die Situation besser verkraften könne, sich nun ein Patenkind aus der Dritten Welt nehmen würde, da er sein Enkelkind eh nicht sehen würde. Da mein Mann dies gesagt habe. (Das stimmt nicht ! Er sagte nur zu ihnen während des Gesprächs: „ Wenn ich ein gemeiner Typ wäre, würde ich sagen ihr dürft euer Enkelkind nicht sehen.“ Aber meine Mutter hört sowieso immer nur das was sie will.)

Zum Schluss sagte meine Mutter noch, dass sie gerne mit mir Kontakt halten würde, aber nicht mit meinem Mann. Ich fragte sie wie sie sich das vorstellt, wenn sie das Kind zum ersten Mal sehen wollen. Sie sagte sie könnten ja dann morgens einmal vorbeikommen, wenn mein Mann arbeiten sei.

Hiermit habe ich ein großes Problem , ich kann mich kaum noch auf das Kind freuen, da ich ständig daran denken muss, wie das nach der Geburt wohl weiterläuft. Für mich kann ich die vorgeschlagene Lösung von meinen Eltern nicht akzeptieren, da ich meinem Mann in den Rücken fallen würde. Ich würde mich sehr schlecht fühlen. Für meine Mutter wäre das völlig O. K.. Hauptsache sie hat ihren Willen bekommen. Sie denkt überhaupt nicht an mich. Andererseits hätte ich auch ein schlechtes Gewissen, wenn meine Eltern das Kind nicht sehen würden.

Inzwischen glaube ich auch, dass meine Eltern das Problem einfach auslaufen lassen wollen. Denn meine Mutter sagte , dass wir jetzt einmal alles auf uns zukommen lassen sollen. Wir brauchen keine Lösung für diesen Konflikt zu finden.

Das heißt wahrscheinlich, dass meine Eltern durch Warten erreichen wollen, dass sie so tun können als wäre nichts gewesen und dass sich alles von selbst regelt. Mein Opa fängt auch schon an das Ganze ein bisschen in die Wege zu leiten, denn er sagt ständig , dass mein Mann meine Eltern anrufen soll , wenn das Kind da ist. Was er natürlich völlig ablehnt.

Dies ist übrigens schon das dritte wichtige Ereignis in meinem Leben , das meine Mutter mir versaut.

Als ich mein Examen bestanden hatte, rief sie mich an , nicht um mich zu fragen wie es ausgegangen sei, sondern um mir mitzuteilen, dass sie nun schon am Flughafen seien und der Papagei noch in die Tierpension muss.

An meiner Hochzeit machte sie ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.

Nun steht die Geburt von meinem Sohn an …..

Was soll ich tun? Ich leide sehr darunter auch körperlich, was ich im Moment aber nicht gebrauchen kann !!!

Viele Grüße, A

Liebe A.
haben Sie vielen Dank für Ihren interessanten Brief! Ich finde, in Ihrer Familie gibt es zu wenig Abgrenzung zwischen den Generationen. Ich meine das so: Ihre Eltern benehmen sich (milde ausgedrückt) unerwachsen Ihnen und Ihrem Mann gegenüber, leisten sich andauernd Distanzlosigkeiten, so, als hätten sie emotional immer noch nicht realisiert, dass Sie erwachsen und außer Haus sind. Sie behandeln Sie immer noch wie ihr kleines Kind, nicht wie eine selbständige Erwachsene.

Auf der anderen Seite scheinen Sie sich aber unbewußt so zu verhalten, dass Sie tatsächlich noch wie das unselbständige Kind Ihrer Eltern wirken. Sie verhalten sich unwillkürlich auch noch wie ein auf die Eltern angewiesenes Kind. Sie nehmen zum Beispiel alles noch viel zu ernst und tragisch, was Ihre Eltern (besonders Ihre Mutter) alles so für Beziehungs-Unsinn verzapfen. Kinder können das Verhalten ihrer Eltern meist noch wenig relativieren und nehmen alles sehr ernst. Als Erwachsene sollten Sie aber nicht mehr alles so stark auf die Goldwaage legen, wie Sie es bei Ihren Eltern offenbar tun.

Könnten Sie versuchen, Ihre Eltern einfach so anzunehmen, wie sie nun mal sind, ohne es immer gleich so ernst zu nehmen und ihnen Vorwürfe zu machen? Ich meine damit, dass Sie innerlich endlich auf Abstand zu Ihrer Mutter gehen sollten, so, als wäre sie eine manchmal etwas peinliche und ein wenig kleinkarierte Nachbarin, die Ihnen aber letzlich egal sein kann. Sie bemühen sich um innerlich distanzierte Freundlichkeit und Höflichkeit, und Sie lassen alle Gehässigkeiten und Kleinkariertheiten einfach an sich abprallen, ohne sich noch groß darüber aufzuregen. Das bringt doch nichts und verstärkt nur das Spielchen, das Ihre Eltern und Sie miteinander treiben.

Das wäre die reifste Haltung. So würden Sie über kurz oder lang Ihren Eltern zeigen, dass Sie wirklich erwachsen und überlegen sind, dass Ihre Eltern keinen Einfluss mehr auf Sie und Ihre Familie haben und dass ihr kindisches Theater bei Ihnen nicht mehr verfängt und damit aufhört.

Also konzentrieren Sie sich jetzt nicht mehr so stark auf Ihre Eltern. Die sind viel unwichtiger, als Sie glauben wollen. Ihre Mutter kann Ihnen nur etwas versauen, wenn Sie es sich innerlich von ihr versauen lassen. Warum gestehen Sie Ihrer Mutter noch so großen Einfluss auf Sie zu? Konzentrieren und freuen Sie sich nun gemeinsam mit Ihrem Mann lieber auf Ihr Kind und die Zukunft Ihrer eigenen kleine Familie. Verselbständigen und emanzipieren Sie sich nun endgültig. Darauf kommt es für Sie als angehende Mutter an, nicht auf die albernen Zicken Ihrer Mutter.

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt