| Sehr
geehrter Herr Schmidt, ich möchte gern in folgender Angelegenheit Ihren Rat einholen: Wir sind eine Familie mit zwei Kindern, Ricarda (3 1/2) und Nathalie (2). Vor einigen Wochen hat mein Mann mir eröffnet, daß er sich nicht sicher ist, ob er für mich noch genügend Emotionen übrig hat, um unsere Ehe fortzuführen. In der darauffolgenden Zeit kapselte er sich zunehmend von mir ab und lehnte auch meine Angebote, zusammen an dem Problem zu arbeiten (mehr Zeit füreinander, die Partnerschaft beleben etc., was einem in einer solchen Situation meistens einfällt bzw. geraten wird) ab. Einen bereits gebuchten gemeinsamen Urlaub sagte er ab, und zwischenzeitlich hat er sich dazu entschlossen, daß er zunächst einmal allein sein will, um herauszufinden, ob ich ihm noch etwas bedeute. Ich habe ihm irgendwann auch nahegelegt, die Konsequenzen aus diesen Äußerungen zu ziehen, einfach weil ich sein distanziertes Verhalten mir gegenüber nicht mehr ertragen konnte. Er wird morgen einige Sachen abholen und von da an bis auf weiteres nicht mehr bei uns wohnen. Meine Frage hierzu an Sie ist nun: Sollte er (oder wir) mit der älteren Tochter darüber sprechen, oder ist sie noch zu klein, um einen solchen Sachverhalt zu erfassen? Und wenn ja, wie erklärt man das am besten? Eine Freundin von mir brachte mich heute überhaupt erst auf den Gedanken, da sie meinte, daß Kinder doch wesentlich mehr mitbekommen als man denkt, und Ricarda eventuell die Schuld an "negativen" Veränderungen in ihrer Umwelt (Vater ist nicht mehr so oft da) bei sich suchen könnte, wenn sie keine Erklärung dafür hat. Ich sollte dazu erwähnen, daß mein Mann berufsbedingt im Außendienst tätig ist und in der Regel mindestens von Montag bis Freitag, manchmal auch über das Wochenende, nícht zuhause ist. Wir haben uns unseren Alltag also schon immer ohne ihn eingerichtet, das heißt unter der Woche sind wir allein, und er hat am Wochenende eher einen "Besucherstatus". Die Kinder fragen nie nach ihm, freuen sich aber natürlich immer sehr, wenn er da ist. Von daher wird der Unterschied nicht annähernd so kraß sein, als wenn er jeden Abend nach Hause käme... Ich hoffe sehr, daß Sie mir helfen können, und danke Ihnen im voraus für Ihre Antwort! Mit freundlichen Grüßen Martina |
Liebe Martina,
haben Sie vielen Dank für Ihre Anfrage! Ich gratuliere Ihnen zu
Ihrer
Freundin. Sie hat recht, Sie und Ihr Mann müssen den beiden
Kindern (nicht
nur der älteren Tochter!) eine kindgerechte Erklärung geben
dafür, was jetzt
in der Familie passiert, dass der Papa in eine andere Wohnung
zieht.
Vermeiden Sie dabei, die Kinder irgendetwas vom Konflikt zwischen
den Eltern
spüren zu lassen. Der Konflikt der Eltern muss bei den Eltern
bleiben, die
Kinder würden ihn eh nicht verstehen und unter einem offenen
Streit der
Eltern stark leiden. Sagen Sie den Kindern zum
Beispiel, dass der Papa
jetzt in eine eigene Wohnung umziehen wird, man wisse noch nicht,
für wie
lange, aber Papa und Mama hätten gefunden, dass das im Moment
gut so wäre.
Nun hätte die Familie zwei Wohnungen, denn natürlich würden
die Kinder den
Papa möglichst genau so oft sehen, wie vorher. Das könnte doch
für die
Kinder spannend und abwechslungsreich sein, z.B. am Wochenende
(oder an
einem Wochendtag...) immer mit dem Papa in der anderen Wohnung zu
sein. Das
wäre ja immer wie ein kleiner Urlaub am Wochenende! Wenn die
ältere Tochter
dann zum Ausdruck bringt, dass sie aber will, dass der Papa hier
bleibt,
dann sagen sie z.B., dass Sie diesen Wunsch zwar gut verstünden,
es aber
anders jetzt einfach praktischer sei. Mama und Papa wollten es
jetzt so.
Sicher fällt Ihnen noch eine andere Erklärung ein, die aber
unbedingt
beinhalten sollte, dass Sie den Konflikt zwischen Ihnen und Ihrem
Mann dem
Kind nicht deutlich zeigen. Sagen Sie nicht, dass es Streit gäbe
oder dass
der Papa das so will, sie aber nicht, oder so. So komisch es
vielleicht
klingt, Sie müssten den Kindern den Entschluss Ihres Mannes,
auszuziehen,
positiv darstellen.
Liebe Martina, nun mögen Sie einwenden, dass Sie damit den
Kindern eine
heile Welt vorgaukeln würden, die es leider gar nicht gibt. Sie
haben dann
aber nur teilweise recht. Aus unserer Erwachsenensicht
verharmlosen Sie
damit natürlich alles, aber Ihre Kinder sind noch sehr klein und
für sie
wäre das gar keine Verharmlosung, sondern Information, die sie
verstehen
könnten. Die Kinder werden sich längerfristig selbst einen Reim
darauf
machen, was da wohl dahinter steckt, dass Mama und Papa nicht in
einer
Wohnung leben, so wie andere Eltern auch. Kinder im Alter
der Ihren
verstehen einfach noch überhaupt nicht, was die Erwachsenen für
Probleme
haben, und sie wollen davon auch überhaupt nichts wissen oder
damit belastet
werden. Sie könnten es sonst nicht ertragen.
Ansonsten wäre Ihnen und Ihrem Mann natürlich eine
Eheberatung/-therapie in
einer (kostenfreien) Eheberatungsstelle in Ihrer Umgebung
dringend zu
empfehlen.
Alles Gute für Sie und Ihre Familie, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt