| Lieber Herr Schmidt, ich habe mich sehr gefreut, Ihr Angebot im Internet gefunden zu haben. Leider ist zum Thema Vater-Tochter-Beziehung und deren möglichst positive Ausgestaltung nichts gehaltvolles zu finden. Daher hoffe ich auf Ihren Rat in folgender Situation (die ich so ausführlich wie möglich schildere, sie dürfen für die Veröffentlichung gerne kürzen, ich versuche inhaltlich abgeschlossene Abschnitte zu erzeugen): 1992 trennte ich mich nach kurzer Ehe (ca. 1 Monat) von meiner Frau, die zum Trennungszeitpunkt im 4. Monat schwanger war. Es fanden danach keine Kontakte mit der Mutter mehr statt; die übliche Leier über Gerichte und Anwälte vermischt mit Ärger über die Forderungen der Gegenseite. Da ich zum damaligen Zeitpunkt sehr jung (anfang 20) war, fehlte mir auch die Reife die Tragweite meiner Rolle als Vater zu erkennen und ich ignorierte die Existenz meiner Tochter völlig und zahlte lediglich immer meinen Unterhalt. Später rechtfertigte ich die fehlende Beziehung zu meiner Tochter damit, daß ich der Meinung war, es würde dem Kind nur schaden wenn ich mich als leiblicher Vater in die Beziehung zwischen meiner Tochter und dem neuen Lebensgefährten meiner Ex-Frau stellen würde. Meine Ex-Frau nahm nämlich schon vor der Geburt eine Beziehung zu einem anderen Mann auf, bei dem sie dann auch 3 Jahre lebte. Dieser Mann scheint eine Ersatzvaterrolle übernommen zu haben, denn selbst nach der Trennung hatte meine Tochter (bis heute) einen losen Kontakt zu ihm und fährt bisweilen alle 2-3 Wochen zu ihm. Seine Söhne aus der Ehe mit einer anderen Frau bezichnet meine Tochter als Brüder, den Mann als Papa. Insgesamt scheint dies eine sehr "fröhliche" Beziehung zu sein in der viel gelacht wird und großes Vertrauen herrscht (soweit ich das Beurteilen kann). Meine Ex-Frau hat das Kind aber schon ab einem Alter von 4 Jahren davon in Kenntnis gesetzt, daß es einen leiblichen Vater gibt und diese Unterrichtung auch später immer wieder durchgeführt. Dem Kind war schon zu diesem Zeitpunkt bekannt, das da etwas nicht stimmt, es kam z.T. verstört aus dem Kindergarten zurück weil es nicht mit einem Vater "aufwarten" konnte. Im Grundschulalter muß es wohl zu Fragen über den Ernährungszustand des Kindes und nach dem Vater gekommen sein. Das Kind war und ist sehr zierlich und sehr dünn. Dies scheint vor allem an den Eltern zu liegen (wir sind beide sehr dünne "Hanseln"), die Lehrerin befürchtete wohl aber eine Essstörung ??(? in dem Alter schon?) Auch heute ist meine Tochter sehr dünn, es wirkt schon etwas magersüchtig, die Gesichtszüge sind allerdings normal. Allerdings hat sie die Sprache von sich aus auf dieses Thema gebracht und es lag ihr sehr viel daran im telefonischen Gespräch mit mir klarzustellen, daß sie auf gar keinen Fall magersüchtig sei. Ich habe ihr nur kurz gesagt, daß dies genetische Ursachen habe und daß ich auch sehr dünn sei - ansonsten habe ich versucht das Thema weitgehend zu ignorieren um hier keinen Aufmerksamkeitspol zu schaffen. Von der Mutter erfuhr ich, daß seit ca. 1-1/2 Jahren eine Beschäftigung des Kindes mit ihrem leiblichen Vater stattgefunden hat. Mehrmals im Jahr wurden Fragen nach dem leiblichen Vater gestellt. Zuletzt teilte meine Tochter bei der Zeugnisausgabe der Mutter mit, daß sie sich wünsche sie könnte das Zeugnis dem leiblichen Vater zeigen, damit der wüßte was er für eine tolle Tochter habe. Witzigerweise habe ich an diesem Tag den ersten Kontakt mit meiner Tochter per Email aufgenommen, was sie unter Tränen ihrer Mutter mitgeteilt hatte. Nach einigen Mails fiel das Interesse jedoch (anscheinend) etwas ab, vor allem äußerte das Mädchen zwar von sich aus Freude über den Kontakt aber nicht den Wunsch zu einem persönlichen Treffen. Die Kontaktaufnahme war auch immer einseitig von mir, es erfolgte bisher kein Rückruf von Ihr (seit 2 Wochen). Beim letzten Gespräch erfolgte eine Aufklärung über die Umstände die zur Trennung von der Mutter geführt haben. Obwohl das Kind weder subjektiv noch objektiv Ursache für die Trennung war, äußerte meine Tochter "also bin ich an allem Schuld gewesen". Dies wurde von mir sofort vehement verneint. Allerdings versetzte mich dieser Satz in höchste Alarmbereitschaft. Das Kind ist hochintelligent (>140) ebenso wie der Vater (149), jedoch beide Testverfahren mir im Moment unbekannt. Mit der Ex-Frau besteht ein neutraler Kontakt bei dem es einzig und allein um das Kindeswohl geht. Dieser Kontakt wird von meiner 2. Frau voll akzeptiert. Sie freut sich sehr auf ein Kennenlernen. Auch erhofft sie sich eine gute Beziehung zwischen meiner ältesten und meiner jüngeren Tochter. Dazu soll es demnächst ein Treffen geben und hier kommen meine Fragen: 1) Muß ich generell etwas bei einem "Ersttreffen" beachten? Gibt es Do´s and Don´t´s? 2) Welche speziellen Fallstricke gibt es beim ersten Kontakt mit der Tochter nach 12,5 Jahren. Auf was muß ich achten um z.B. negative psychische Auswirkungen bei meiner Tochter zu vermeiden? 3) Besteht die Gefahr, daß meine Tochter mich nicht als Vater sondern als potentiellen Partner betrachtet und versuchen wird ihre Selbstestätigung als Heranwachsende auf diesem Wege erlangen zu wollen? Falls ja, wie weise ich dieses Versuchen dann zurück ohne sie als Person zurückzuweisen und die Beziehung zu Ihr zu zerstören usw.? 4) Wie kann ich erreichen, daß meine jetzige Familie von meiner Tochter bestmöglich akzeptiert wird? Meine Frau will besonders nicht, daß meine Tochter mich beim ersten Mal alleine trifft. Sie befürchtet, daß es dann zu einer "Verschwörung" kommt die die Tochter dazu verleitet auf die neue Partnerin herabzusehen. Es soll quasi durch die räumliche Gegenwart der Frau eine "Reviermarkierung" und damit spezielle Vereinnahmung von bestimmten "Vaterräumen" durch die Tochter verhindert werden. Die Frau soll als gleichberechtigte Partnerin in der Beziehung zwischen Vater-Tochter-Ehefrau anerkannt werden. Ist diese Befürchtung berechtigt? 5) Kann es sein, daß meine Tochter wg. fehlender Vater-Beziehung magersüchtig ist? Wie stellt man das fest (eventuell bin ich als Außenstehender ja nicht so situationsblind wie meine Ex-Frau)? Wenn ja, was kann ich tun jetzt wo ich neu in ihr Leben trete? Ignorieren? 6) Soll ich überhaupt, aufgrund der Ersatzvatersituation, mit meiner Tochter Kontakt aufnehmen oder ist es nicht besser wenn ich mich diskret wieder zurückziehe und den ersten Schritt ihr überlasse? Sie sehen, viele viele Fragen und keine Antworten. Können Sie helfen? Mit freundlichen Grüßen D |
Lieber Herr D.,
vielen Dank für Ihren Brief, der mich allerdings einigermaßen
entsetzt hat. Die nun weit über
10 Jahre dauernde und durch Sie zu verantwortende
Beziehungskatastrophe zwischen Ihnen und Ihrer Tochter
beschreiben Sie so völlig emotionslos und scheinbar rational,
dass es mir schwer fiel, Ihren Brief überhaupt zu Ende zu lesen.
Wo sind Ihre Schuldgefühle? Wie konnten Sie sich als Vater so
lange aus der Verantwortung stehlen und damit Ihrer Tochter so
viel Leid antun?
Angesichts dieses Elends werde ich Ihre rationalen Fragen im
Einzelnen nicht beantworten, sonst würde ich Ihnen indirekt nur
noch bestätigen, dass Ihre einfühlungslose Art, mit dieser
emotionalen Katastrophe umzugehen, angemessen ist. Ich glaube,
Sie müssen noch sehr viel lernen, wenn es um intensive Einfühlung
und liebevolle Beziehung zu Ihrer Tochter geht. Aber immerhin
fangen Sie endlich damit gerade an. Das freut mich denn doch für
Sie und Ihre Tochter.
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt