| Sehr geehrter Herr Schmidt, erst mal zu unserer Familie. Sie besteht aus meinem Mann 49 Jahre, mir 45 Jahre und unseren Söhnen 4, 7 und 9 Jahren. Wir haben ein grosses Problem mit unserem Ältesten, der, seit er vor 2 Jahren in die Schule kam wieder einnässt und manchmal auch einkotet. An manchen Tagen ist die Hose bis zu dreimal nass und meistens sind auch Stuhlflecken dabei. Ich habe schon alles probiert und ihn leider früher auch angebrüllt, was mir heute sehr leid tut, aber es hat sich nicht geändert. Er sagt, er denkt immer er könnte es noch ein Weilchen einhalten und dann sei es plötzlich zu spät gewesen. Meistens passiert es das erste Mal am Tag auf dem Weg von der Schule nach Hause, manchmal auch bei den Hausaufgaben und dann nochmals nachmittags beim Spielen. Ich weiss garnicht mehr wie ich noch reagieren soll, hab alles versucht, hab geschimpft und ich habs ignoriert, nichts hat geholfen. Mein Mann meint, das würde sich irgendwann von alleine geben, ich denke das nicht und mache mir sehr große Sorgen. Natürlich war ich schon mit meinem Jungen beim Kinderarzt, der sofort eine Behandlung in einem Kranken-haus vorschlug, bei der unter Vollnarkose, divese Unter-suchungen vorgenommen werden. Das wiederum würde ich meinem Sohn gerne ersparen. Mein Sohn hat keinerlei schulische Probleme, ganz im Gegenteil, er ist sehr gut und setzt sich selbst unter Druck, indem er mit sich selbst nie zufrieden ist. Er ist jedoch kein Streber. Er schrieb einmal eine 3 und war am Boden zerstört und weinte und jammerte, er hätte sich seine Zeugnisnote damit versaut. Ich sag dann immer dass eine 3 auch noch eine gute Note ist und dass es normal ist, auch mal eine 3 oder 4 zu schreiben, das interessiert ihn aber nicht. Er freut sich grundsätzlich nur über Einsen und sieht seinem Zeugnis, welches bestimmt sehr gut sein wird, mit gemischten Gefühlen entgegen. Er selbst sieht sich nicht als guter Schüler. Ich hab einfach das Gefühl, dass er sich selbst nicht lieb hat. Manchmal schlägt er sich bei den Hausaufgaben selbst gegen den Kopf und schreit:"Ich bin soooo blöd." Ich sag ihm immer, dass das nicht wahr ist und dass er sowas nicht sagen soll. Ich glaube nicht, dass "das in die Hose machen" organische Gründe hat, werde ihn aber wohl trotzdem untersuchen lassen müssen. Ich bin sehr verzweifelt und weiss wirklich nicht mehr weiter. Mein Sohn ist sehr harmoniebedüftig, schlichtet bei anderen immer Streit und ist ein echtes Traumkind, eigentlich zu lieb. Alle Erwachsenen sind hingerissen von ihm, ich werde ständig von Leuten angesprochen, wie lieb und nett und zuvorkommend er ist. Seine Lehrerin sagte mir:"So einen Sohn wünscht sich jede Mutter." Hört sich alles ganz toll an, aber er ist so vernünftig und reif für sein Alter, dass es einem manchmal Angst macht. Mein Sohn ist auch bei seinen Altersgenossen sehr beliebt und hat viele Freunde. Ich weiss garnicht mehr, wie ich mich meinem Sohn gegenüber verhalten, denn er leidet sehr unter seinem Problem und tut mir unsagbar leid. Danke für Ihre Mühe Elisabeth |
Liebe Elisabeth,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich finde, Ihr Sohn setzt sich
selber recht unter Druck und fordert sehr viel von sich. Er ist
so lieb, überangepasst, vernünftig und hamoniebedürftig
(sprich:. agressionsgehemmt?). Nur bei der Sauberkeit lässt er
sozusagen zum Ausgleich "die Sau heraus" und seine
sonst starke und kritische Selbstkontrolle sausen. Da sehe ich
einen Zusammenhang. Und nun kommen Sie mit Ihrer Sorge und Ihrem
Mitleid noch als weiterer Druck hinzu! Ohne es zu wollen,
verstärken Sie damit seine kritische Selbstkontrolle, die dann
wieder ein Ventil im Einnässen braucht.
Was ich damit raten möchte heisst: Nehmen Sie den Druck von ihm, den Sie mit Ihrem Mitleid und Ihrer Überfürsorge ausüben. Behandeln Sie sein Einnässen eher beiläufig-verharmlosend (so wie Ihr Mann vielleicht), ohne es natürlich zu ignorieren. Vielleicht gelingt es Ihnen sogar, damit entspannt-humorvoll umzugehen und anstelle von demütigendem Mitleid und druckmachender Sorge eine konstruktiv-aufbauende und mutmachende Zuwendung zu zeigen. Ihr Mann sollte das genauso machen. Ich glaube, je weniger Erwartungsdruck Ihr Sohn spürt, umso weniger streng muss er mit sich selbst umgehen und umso rascher wird das mit der Sauberkeit klappen. Wenn Sie es so sehen könnten, dass er derzeit das Einnässen als "Druckabfuhr" und seelische Erleichterung "braucht", dann betrachten Sie es vielleicht etwas beiläufiger. Und das wäre eine günstige Unterstützung für Ihren Sohn.
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt