Lieber Herr Schmidt,
mein Problem hat mit mir, meinem Mann und meiner ältetsten
Tochter (23Monate) zu tun.
Sie ist nun in einem Alter, wo sie selbständiger wird, ihren
Willen
durchzusetzen versucht und täglich neue Dinge lernt.
Mein Mann und ich waren uns , bevor die Kinder auf der Welt
waren, immereinig, was wir unter Erziehung verstehen. Leider geht
das mittlerweile ziemlich weit auseinander.
Hauptsächlich stört mich , daß er sogar bei Kleinigkeiten oder
Nichtigkeiten sofort dem Kind einen (oder mehrere) Klapps(e) auf
den Po gibt. Es macht mich schier rasend und ich kann mich fast
nie bremsen, ihn sofort darauf anzusprechen. Es ärgert mich,
daß
er nicht nachdenkt, ob die Sache jetzt wichtig war oder nicht
oder
was er eignetlich damit anrichten kann.
Er akzeptiert nicht, wenn die Kleine nicht zu ihm kommen will, um
sich drücken zu lassen. Jedesmal, wenn sie etwas nicht macht,
was er will, haut er sie. Sie weint dann natürlich immer, auch
wenn
es wirklich nicht weh getan hat (zumindest nicht physisch). Er
weiß so wenig über Entwiklung eines Kindes und die
Möglichkeiten, die ihm sein Verstand nur bietet. Er verlangt von
ihr
häufig zu viel, sie ist noch nicht mal zwei Jahre alt.
Ich hab schon so oft versucht mit ihm darüber zu reden, aber
nichts...er hört einfach nicht zu!!! Er sagte nur letztens: er
könne
sich ja aus der Erziehung dann ganz zurückziehen.
Ich bin schockiert!!!!
Mir schweben dann immer so Gedanke im Kopf, wie: Ich hab
dieses Kind ausgetagen, geboren und kümmer mich fast
ausschließlich allein um sie, da kann er doch (verdammt nochmal)
nicht kommen und sie hauen, weil ihm was nicht an ihr paßt!
Ich erziehe auch mein erstes Kind und hab es mir bei weitem nicht
so schwierig vorgestellt, ich hab auch die Weisheit nicht mit
Löffeln
gefressen, aber ich finde ihn so stur und unvernünftg.
(das alles hab ich ihm schon gesagt, aber es kommt kein
brauchbares Gespäch zustande)
Sicherlich ist unsere Situation denkbar ungünstig, da mein Mann
von Freitag bis Sonntag nur zu Hause ist. Das wird sich in einem
Monat ändern, dann wohnen wir ALLE zusammen( das erste mal)
Aber ich hab so auch meine Bedenken, ob es dann nicht noch
schlimmer sein wird.
Ich wäre für Tipps und Anregungen wirklich sehr dankbar. Das
Thema belastet mich und unsere Beziehung sehr!
Vielen Dank im Voraus
s.
Liebe Frau XY,
Ihr "Problemkind" scheint ja Ihr Mann zu sein! Leider
werde ich aus der
Schilderung Ihrer familiären Situation nicht ganz schlau: Sie
schreiben von
Ihrer ältesten Tochter. Wieviele jüngere Kinder haben Sie
(wahrscheinlich
höchstens eines, oder?). Und dann: Ihr Mann ist von Freitag bis
Sonntag "zu
Hause", aber bald wohnen Sie "alle zusammen"? Was
meinen Sie damit? Wo ist
er an den anderen Tagen? Soll das bedeuten, dass Ihr Mann (oder
der Vater
der Kinder) noch bei seinen Eltern lebt? Sind Sie
vielleicht noch gar nicht
verheiratet? Ist er die Woche über beruflich weg und besonders
belastet? Wie
lange sind Sie überhaupt verheiratet und warum haben Sie bisher
noch nicht
"ALLE" zusammengelebt? Ohne solche
Hintergrundinformationen über Ihr
Familienleben kann ich nur schwer raten.
Auf den ersten Blick wirkt das Verhalten des Vaters natürlich
völlig
unakzeptabel, aber das wissen Sie ja ohnedies. Er scheint viel zu
fordernd,
zu ungeduldig und zu streng zu sein. Aber warum? Liegt das an
Ihrer
insgesamt gestressten Familiensituation, und/oder ist er von
seinem
Charakter her so unsensibel für ein Kleinkind? Das weiß ich
eben leider aus
Ihren Angaben nicht zu entnehmen, aber Sie können das vielleicht
für sich
selbst auch so beantworten.
Schreiben Sie doch bitte nochmal ausführlicher, dann kann ich
Ihnen auch
noch besser raten.
Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
Hallo Herr Schmidt,
sie haben recht, meine Schilderungen waren wirklich nicht sehr
aussagekräftig. Aber da ich ja ständig mit den Problemen
konfrontiert bin, war mir nicht klar, daß ein Außenstehender
schon
mehr Informationen braucht.
Also: mein Mann und ich sind seit 5 Jahren verheiratet. Wir haben
zwei Kinder (9 Monate und 23 Monate alt). Mein Mann arbeitet
wochentags in einem anderen Bundesland und kommt nur an den
Wochenenden nach Hause.
Seit die Kinder auf der Welt sind haben wir noch nie mehr als
vielleicht zwei Wochen zusammen gelebt. Vorher haben mein
Mann und ich mit Unterbrechungen (mein Studium) schon
zusammen gelebt. Nun ist unser Haus fertig und wir ziehen
nächsten Monat alle zusammen.
Ich hab nochmal gründlich nachgedacht und es ist tatsächlich
so,
daß ich im Hinblick auf den Umzug immer skeptischer werde.
Unsere jüngste Tochter ist ein Frühchen und kam zwei Monate zu
früh, nach einer dramatischen Operation, auf die Welt. Die
Monate
der Sorgen und schlaflosen Nächte und ständigen Rennerein zum
Kinderarzt, als sie endlich zu Hause war, haben auch dazu
geführt,
daß wir uns entfremdeten.
Ich, für meinen Teil, kann mit dem Geburtserlebnis nicht
umgehen.
Mein Mann gibt offen zu, mich nicht verstehen zu können. Er
sagt:
es ist doch alles gut gegangen (unser Kind ist kerngesund), was
also, mache ich mir da noch für Gedanken?!
Aber das ist ein anderes Problem.
Die Sache mit dem Hauen beschäftigt mich viel mehr (momentan).
Ich weiß, daß mein Mann früher von seiner Mutter öfter
verhauen
wurde (auch miit Gegenständen). Gerade das, macht es mir so
schwer, seinen Standpunkt zu verstehen.
Wenn er freitags nach Hause kommt, freut er sich sehr auf die
Kinder, sie fehlen ihm immer sehr. Aber er ist nicht bereit, das
sich
entwickelnde Selbstbewustsein unserer großen zu akzeptieren. Er
will das alles nach seinen Wünschen funktioniert (wer will das
nicht), aber nach 5 Tagen, in denen ich mit den Kindern allein
bin,
kann er nicht erwarten, daß alles so läuft, wie er sich das
vorstellt!
Ich organisiere unsere Tage werktags eben allein und muß mich
um alles kümmern. Ich versorge und erziehe die Kinder, mache
den Haushalt und spiele mit den Kindern. Wenn ich meiner Tochter
nun sage, daß sie aufräumen soll und sie tut das nicht, hab ich
meine Methoden doch zu erreichen , was ich will (klappt
natürlich
nicht immer...). Wenn er dann zu Hause ist und die gleiche
Situation tritt ein, haut er ihr einen auf den Po. Mich
stört das nicht nur, ich finde es übertrieben und indiskutabel.
Nun ist es nicht so, daß ich nicht auch schon mal einen Klapps
gegeben habe. Aber das ist selten und hängt dann mit einer
gefährlichen Situation oder einem wichtigen Grundsatz zusammen.
( nicht die kleine Schwester treten, nicht Mama hauen, nicht das
Katzenklo ausschütten--bei all diesen Situationen hab ich erst
-zig
mal geredet, bis ich mir nur noch mit einem Klapps zu helfen
wußte, bei "Mama nicht hauen" war es sogar nur
ein Reflex von
mir)
Sicher haben sie recht, wenn sie sagen, daß momentan eine
ziemliche gestreßte Familiensituation besteht. Ich gebe
mir alle
Mühe und manchmal kann ich nicht mehr, als nur noch heulen.
Wobei die schlimmen Zeiten wohl vorbei sind: Unser Frühchen hat
viele Sorgen gemacht und war zu allem Überfluß ein Schreikind.
Sie hat von 24 h 16 h geschriehen.
Ich war am Ende. Die Hilfe meines Mannes war leider geringer
ausgefallen, als ich es mir je hätte vorstellen können. Obwohl
er
sogar einmal erst am Dienstag zu Arbeit gefahren ist, weil das
Wochenende eine Katastrophe war. Ich grübel viel darüber nach
und ich will nicht immer nur jammern und nörgeln. Trotzdem bin
ich
an einem Punkt angekommen, wo es nicht so weiter gehen kann.
Meine Mutter sagte mir mal, daß eine Ehe nur funktioniert, wenn
die Frau die Kunst der Diplomatie berherrscht...Hat sie da recht?
Manchmal glaube ich das!
Wenn ich versuche mit meinem Mann zu reden, kommen mir
immer sofort die Tränen. Ich bin emotional so aufgeladen, daß
ich
fast platze. Hinzu kommt, daß er in unserer Beziehung und
unserem Alltag eigentlich gar keine Probleme sieht. Er mein, daß
das was uns jetzt zu schaffen macht, wird vorbei sein, wenn wir
erstmal umgezogen sind!
Nunja, das hatte ich mir in der "schlimmen Zeit" ( mit
der Jüngsten)
immer und immer wieder gesagt. Die Zeit des Zusammenseins, wie
eine richtige Familie, hab ich mir rosarot gemalt, damit ich was
hatte, was mir Kraft gab. Nun ist es fast soweit und ich muß
feststellen, daß beiweitem nicht ein einziges Problem durch den
Umzug gelöst werden kann und wird!!!
Ich empfinde ihn manchmal wie einen Eindringling in meine kleine
Familie. Er ist mir manchmal richtig im Weg, wenn er freitags zu
Hause ist. Ich will das aber nicht zulassen, aber es ist trotzdem
so. Ich freute mich auf jeden einzelnen Freitag in den
vergangenen
zwei Jahren, aber ich saß so oft Montag Morgen da und war
enttäuscht.Ich konnte nicht ausschlafen, es wurde
herumgenörgelt,
daß die Wohnung unordentlich wäre, daß seine Lieblingshose
nicht gewaschen war, wobei ich doch die ganze Woche über Zeit
hatte und überhaupt: ich immernoch viel zu fett bin.
(Sex gab es schon Monate nicht mehr. Ich hab ihn drauf
angesprochen, er war so desinteressiert, als wäre ich ein toter
Fisch)
Und dann die Streits wegen der Klappse... Ich bin nicht gerade
ein
sanftmütiger Mensch, wenn ich wütend bin, so hab ich schonmal
das Verlangen gehabt ihn zu ohrfeigen, weil die wichtigen Dinge
nicht in seinen Kopf gehen. Aber ich bin erwachsen und
vernünftig
und hab es nicht getan.
Sie meinten, daß er viellicht zu unsensibel für Kleinkinder
sein
könnte, charakterlich. Nunja, daß kann es sein, zumindest
teilweise. Er kann wunderbar mit ihnen spielen und hat tolle
Ideen
für die Freizeitgestaltung, er schmust sehr gern mit den Kindern
und tobt auch mit ihnen. Aber er ist ungeduldig und unsensibel
bei
erzieherischen Dingen. Z.B. Mittagessen (macht die Große ja
schon allein, aber der Tisch bleibt bei Spaghetti eben nicht
sauber), ach ich könnt Hunderte Sachen aufführen...ich meine,
da
wo ich eben rede mit ihr und auch schimpfe, Spielzeug eben
wegnehme oder sie vom Spielplatz wegtragen muß,
haut er sie. Wie kirege ich das in ihn rein, daß ich das nicht
will??
Unsere Große wirkt schon älter als sie ist (der Kinderarzt
sagte, sie
spricht wie eine 4 jährige), aber sie ist noch nichtmal 2 Jahre
alt.
Sie sehen, diese Sache mit den Klappsen ist nicht das einzige,
was hier im Argen liegt. Sicherlich hat es viel damit zu tun, was
jeder von uns in den vergangenen zwei Jahren so gemacht hat, was
für Erlebnisse, Erfahrungen und Veränderungen er durchlebt hat.
Mein Mann und ich haben nicht mehr den selben Sprit, wie können
wir da das selbe Auto fahren?
Ich bin eine emanzipierte, selbständige und selbstbewußte Frau
,
trotzdem bin ich gern Mutter (beide Kinder waren geplante
Wunschkinder).
Ich freue mich darauf wieder arbeiten zu gehen, aber ich sehe
auch, daß ich dann nicht nur einen 24 h Mutterjob, sondern auch
noch meinen Teilzeitjob habe. Und mein Mann?? Er wird genau
das haben, was er vorher schon hatte: die schönen Seiten, aber
keine Arbeit damit bitte!
Was sagen sie dazu? Muß ich diplomatischer werden, um zu
bekommen, was ich will? Sehe ich alles zu schwarz? Ich hatte
schwere Depressionen nach der Geburt der jüngsten Tochter. Ich
bin fast allein da herausgekommen, aber was mach ich hier?
Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse. Ich hoffe, daß meine
Schilderungen klarer sind für sie jetzt und daß ich nicht zu
konfuses Zeug geschrieben habe.
Nennen Sie mich Sternchen.
Erwarte Ihre Antwort!
Liebe Frau Sternchen,
nun haben Sie ausführlich geschrieben und ich kann mir ein sehr
viel
besseres Bild von Ihnen und Ihrer Familie machen. Vielen Dank!
Es sieht so aus, als hätten Sie sich die letzten Jahre in
gewisser Weise zu
einer "alleinerziehenden" Mutter entwickelt. Als solche
wirken Sie sehr
tüchtig, tapfer und kindgerecht. Die Wochenenden mit Ihrem Mann
scheinen nie
sonderlich erholsam für Sie gewesen zu sein, aber dann fuhr er
ja die ganze
Woche wieder weg... Aber nun steht Ihnen ein dauerndes
Beisammensein im
neuen Haus bevor, und es scheint sie verständlicherweise etwas
davor zu
grausen . Wie so oft in einer Ehe platzen Sie fast vor
Unzufriedenheit,
während Ihr lieber Gatte glaubt, alles sei doch in Butter!
Nehmen Sie ihm schleunigst diese Illusion (obwohl Ihnen Ihre
Mutter wohl das
Gegenteil empfiehlt)! Ihr Mann muss ganz klar wissen und sehr
ernst nehmen,
dass für Sie derzeit gar nichts in Butter ist. Sonst müssen Sie
doch gar
nicht mit ihm ins neue Haus ziehen. Sie könnten doch auch ohne
ihn
klarkommen, oder nicht? Wie bei seiner Tochter, so will er wohl
auch bei
Ihnen, dass alles so funktioniert, wie er will, und nicht, wie
auch Sie
wollen. Vielleicht ist er nicht nur bei seiner Tochter recht
unsensibel,
sondern auch bei seiner Frau!
Machen Sie ihm sehr deutlich, dass Sie nicht bereit sind, seine
"Klappse"
bei der Tochter und seine auch Ihnen gegenüber deutliche
Unsensibilität
weiter klaglos oder konsequenzenlos hinzunehmen. Überlegen Sie
beide
ernsthaft, wie Sie die Wochenenden ab sofort anders gestalten
können,
nämlich zumindest stundenweise "paargerecht". Damit
meine ich, dass sich
bisher bei Ihnen wohl fast alles um die teils anstrengenden
Kinder gedreht
hat und Sie beide als Paar verschwunden sind. Sie sind aber nicht
nur
Mutter, sondern auch Frau und Partnerin, Geliebte,
Freundin...(für ihn gilt
das männliche Pendant). Ihr Hauptproblem scheint darin zu
liegen, dass Ihre
Paarbeziehung im Argen liegt.
Am Wochenende sollten Sie beide versuchen, Ihre Paarbeziehung
wiederzufinden (vorausgesetzt, sie war früher einmal intensiv?).
Was könnte
Ihnen dabei helfen? Vielleicht ein Baby-Sitter für einen Abend,
an dem Sie
und Ihr Mann ausgehen? Besprechen Sie mit ihm, was Ihnen beiden
Spaß machen
würde, mal ohne Kinder. Oft reicht es vielen Eltern schon, wenn
sie abends
bei einem Glas Wein zusammensitzen, wenn ein stressiger
Familientag
vorübergeht und die Kinder schlafen, und sich liebevoll
besprechen, schöne
Musik hören, einen netten Film gemeinsam sehen, hinterher (oder
gleichzeitig!) ein ganz klein wenig zärtlich sein... Damit spart
man sich
sogar den Babysitter und man erreicht, was fehlt: Abstand vom
Alltag,
liebevolles Zueinanderfinden, seelische Erholung in einer
emotional
befriedigenden Paarbeziehung. Das gibt unheimlich viel Kraft und
Optimismus
für den nächsten Tag.
Können Sie sich das mit Ihrem Mann vorstellen? Wünscht er sich
das
hoffentlich auch? Dann tun Sie beide es!
Viel Glück wünscht Ihnen und Ihrer Familie, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
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