Sehr geehrter Herr Schmidt !

Seit 2 Jahren bin ich mit einem sehr lieben Mann zusammen, im Mai werden wir heiraten. Er ist Witwer und hat 3 ganz liebe Töchter. Zu allen dreien habe ich ein sehr sehr gutes Verhältnis. Von Anfang an machten sie es mir leicht eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Sie waren froh wieder eine komplette Familie zu sein, das jemand da ist der für sie sorgt und sie lieb hat. Ich muß dazu sagen das ich mir immer eigene Kinder gewünscht habe, ich aber keine bekommen konnte. Mit den Mädels bin ich nun über meine eigene Traurigkeit hinweg gekommen. Ich habe sie so lieb als wären es meine eigenen, wobei ich aber nie die Mutter "spiele" oder ihre Mutter ersetzen will. Ich finde das man eine Mutter einfach nicht ersetzen kann. Ich bin für die 3 einfach die ganz besondere Freundin die ab und an in die Mama-Rolle schlüpft. So klappt alles sehr gut. Wir reden, haben Spaß, aber wir kriegen uns auch mal in die Haare wenn es zum Beispiel um unaufgeräumte Zimmer geht... Eben ganz normal, wie bei jeder anderen Familie auch.

Nun aber zu meinem Problem. Die Mama der Mädchen hat sich vor 3 Jahren das Leben genommen, sie war manisch-depressiv. Es war ein großer Schock für mich als mein Freund mir damals erzählte wie seine Frau gestorben ist. Ich dachte sofort das die Kinder unmöglich über diesen Schmerz des Verlustes hinweg sein konnten. Er meinte aber das die Mädchen das wunderbar verkraftet und ihre Trauer abgeschlossen hätten. Die Große war zu dem Zeitpunkt als ich sie kennen lernte 12, die mittlere 10 und die Kleine gerade 9. Und wahrhaftig, es waren 3 fröhliche aufgeschlossene Kinder. Das war jedoch nur mein erster Eindruck. Immer häufiger stellte ich bei den beiden größeren Auffälligkeiten fest. Julia schien mir für 12 Jahre zu erwachsen, nicht so ganz sorglos wie andere Kinder in ihrem Alter. Sie beschäftigte sich zu ernsthaft mit der Regelung des Tagesablaufes für sich und die Schwestern. Sie organisierte praktisch alles an der Stelle der Mama. Zum Teil kreide ich das meinem Freund an, er arbeitete und lastete dem Mädel einfach ein bißchen zu viel an. Andererseits war es aber auch ihr Ehrgeiz, und sie fühlte sich irgendwie verantwortlich für alles.  Nun ja, aber das verbesserte sich als ich zu ihnen zog und mich von da an um alles wichtige kümmerte. Inzwischen ist Julia ziemlich "normal". Natürlich ist sie zwischendurch mal etwas nachdenklich und verschlossen, aber nach einem Gespräch mit uns geht es ihr wieder besser. Sie spricht nicht viel über ihre Mama, aber sie hat sich damit auseinander gesetzt und ist auch sehr stark. Sie weiß das wir für sie da sind.

Die Kleine ist wirklich drüber hinweg. Sie kann sich nicht mehr genug an die Krankheit und ihre Auswirkungen erinnern. Sie ist ein quirliges kleines Fräulein das das Leben so richtig genießt.

Unser Problemkind ist Luisa. Sie ist jetzt 12, wird im Juni 13. Luisa ist sehr anhänglich und liebebedürftig. Sie ist diejenige die meine Nähe am meisten braucht. Wir knuddeln und kuschel ganz oft. Sie redet über alles was sie bewegt. Gefühlsausbrüche gleichen Orkanen. Sie ´drückt Freude mit herzhaftem Lachen und Frust mit herzzerreißendem Weinen aus. Was mich aber immer wieder erschreckt ist der plötzliche Stimmungswandel. Wenn sie im ersten Moment noch glücklich und fröhlich erscheint, sie lacht und albert, so ist sie im nächsten Moment zu tode betrübt, verschlossen und zurüchgezogen. Ich denke das sie vielleicht versucht Traurigkeit und Ängste mit Fröhlichkeit zu überspielen, ihr das aber nicht gelingt. ( Das ist auch gut. ) Wenn wir versuchen herauszufinden was sie bedrückt, meint sie meistens das sie einfach nur so weint. Wenn wir ihr dann sagen das man nicht einfach so weint, dann sagt sie sie habe Kopfweh. Wenn wir sie dann in Ruhe lassen ist sie meist nach weniger als einer Stunde wieder "gut drauf" und sie tut als wäre nichts gewesen. Ich denke das sie einfach so ihre Trauer zu bekämpfen versucht. Wie gesagt, sie redet über alles ganz offen, aber nie über ihre Gefühle in Bezug auf die gestorbene Mama. Kann es sein das sie wütend ist auf ihre Mutter und sich schämt so über sie zu reden ? Sie wußte um die Krankheit, aber kann ein Kind verstehen das die Mutter einfach aus dem Leben geht und ihr Liebstes zurück lässt ?  

In den letzten Monaten kommt es oft vor das Luisa sich Tagsüber einnässt. Vorher passierte es schon mal Nachts, aber das kam schon lange nicht mehr vor. Nun finden wir desöfteren nasse Unterwäsche und Hosen die sie einfach in ihren Schrank zurück legt. Sie bedauert es jedesmal und verspricht uns zu sagen wenn es passiert oder das sie wenigstens ihre Sachen in die Wäsche legt, und sich wäscht. Aber sie tut es nicht. Es kommt inzwischen einmal in der Woche vor. Bitte glauben sie nicht das wir sie deswegen ausschimpfen, nein, uns ärgert nur das unhygienische an der Sache. Aus dem Grund schimpfen wir dann schon.

Letzte Woche kam heraus das sie mit Freundinnen mehrmals in einem Kaufhaus gestohlen hat. Wir hatten schon die Vermutung weil sie ständig neue Stifte usw. hatte. Nicht das sie kein Geld hat, aber es waren halt alles Dinge die sehr teuer waren und sie sich von ihrem Geld nicht leisten kann. Sie erklärte das sie die Sachen von Freundin ausgeliehen bzw. geschenkt bekam. Als plötzlich die Kripo vor der Tür stand war sie zutiefst erschrocken und schrie das sie sich haßt und uns nur Ärger machen würde und das sie wünschte nicht geboren zu sein. Natürlich beruhigten wir sie und machten ihr klar das wir sie trotzdem was passiert war sehr sehr lieb haben würden. Für mich stand nun aber eindeutig fest das sie Hilfe braucht und irgendwie auch versucht   auf sich aufmerksam zu machen.

Nach so Ereignissen wie oben beschrieben fällt Luisa meiner Meinung nach immer weit zurück. Sie holt dann ihre Babypuppe heraus und sorgt für sie wie eine Mutter. Von Morgens bis Abends. Wir müssen dann ihrem "Baby" sogar Gute Nacht sagen und wenn sie zur Schule geht bittet sie mich nach ihrem "Kind" zu sehen. Es kommt ganz plötzlich und genauso plötzlich verschwindet die Puppe nach 2, 3 Tagen wieder im Schrank.

Luisa hat in allen möglichen Taschen die sie besitzt Fotos von ihrer Mama. Alles Fotos auf denen sie Luisa als Baby im Arm hat. Hat das etwas mit ihr und ihrer Puppe zu tun ??

In der Schule war sie noch nie sehr gut. Aber sie hielt sich immer so im guten Mittelmaß. In letzter Zeit hat sie große Probleme. Trotz intensiven Lernens schreibt sie sehr schlechte Noten. Auch professionelles Lernen bei der Schülerhilfe zeigen keinen Erfolg mehr.

Streßsituationen kann sie nicht bewältigen. Auch bei den kleinsten Auseinandersetzungen mit ihren Geschwistern bekommt sie Weinanfälle. Für sie ist sie natürlich eine Heulsuse, aber ich denke das sie einfach total kaputt ist und ihre kleine Seele dringend Prfessionelle Hilfe braucht.

Probleme hat sie auch mit ihrem Gewicht. Sie trägt inzwischen Kleidergröße 40. Sie ißt nicht sehr viel, aber sie verschlingt unmengen an Süßigkeiten die sie sich selbst kauft. Wenn sie zugenommen hat weint sie weil andere sie gehänselt haben und sie sich auch selber zu dick findet. Von den Süßigkeiten die wir zu hause haben ißt sie nichts, aber in ihren Hosen- und Jackentaschen finde ich beim Waschen Papier von unzähligen Bonbons oder Riegeln.

Wie können wir unserem Kind helfen ?

Wir haben jetzt besprochen vielleicht einen Kinderpsychologen aufzusuchen. Meinen sie das es das richtige wäre ?

Würden sie diese Verhaltensauffälligkeiten als Anzeichen für Depressionen sehen ?

Wie ihre Mutter unter Depressionen litt, so leidet darunter auch ihr Opa, also der Vater ihrer Mutter.

Ich hoffe das sie mir zu meinen Ausführungen´und Fragen ein paar Antworten geben können.

Mit freundlichen Grüßen

S

Liebe Frau S.,
vielen Dank für Ihren liebevollen Brief! Da können sich Ihr Mann und seine 3 Töchter aber glücklich schätzen, Sie gefunden zu haben. Sie wirken sehr einfühlsam und geschickt mit Ihrer Rolle als "Zweitmutter".
Ich glaube, bei Luisa kommen einige Faktoren zusammen. Vielleicht ist sie zum Einen über den schlimmen Verlust der Mutter deswegen noch nicht hinweg, weil sie sich schon zu deren Lebzeiten im Vergleich zu ihren Schwestern etwas vernachlässigt gefühlt hat. Dazu mag kommen, dass Luisa sozusagen stellvertretend für die anderen Familienmitglieder noch sehr um die Mutter trauern muss. Man findet das nicht selten unter Familienmitgliedern nach dem Verlust eines Elternteils: ein Familienmitglied nimmt sozusagen stellvertretend für die anderen die dauerhafte Trauerrolle an. Die anderen Familienmitglieder können dann umso rascher zur Tagesordnung übergehen. Wenn dies so zutrifft, trauert Luisa sozusagen für ihre Schwestern und den Vater mit, die ihrerseits vielleicht sogar zu rasch und nur oberflächlich über den Verlust hinweggekommen sind.
Und drittens glaube ich, dass Sie selbst auf das Trauerverhalten Luisas insofern besonders sensibel ansprechen, weil sie aufgrund Ihrer erwähnten eigenen Kinderlosigkeit vielleicht selbst noch etwas trauern, zumindest Trauer sehr gut einfühlen können. Das spürt Luisa natürlich und holt sich deshalb mit ihrer Trauerrolle besonders intensiv bei Ihnen Streicheleinheiten. Solange Sie und Luisa sich dabei in Ihrer beider Trauer nicht immer wieder verstärken, ist das ja auch wunderbar. Wenn sich in Ihnen und Luisa aber zwei Menschen gefunden haben, die sich wegen ihrer Trauer brauchen, kann Luisa natürlich ihre Trauer nicht überwinden.


Das sind natürlich nur so ein paar Anregungen von mir. Wie es wirklich alles sein mag, könnten Sie und Ihre Familie am besten im Rahmen einer Familientherapie verstehen lernen. Dabei sollten die Kinder und die Eltern gemeinsam noch einmal über die tote Mutter sprechen und herausfinden, ob Luisa wirklich für die anderen mit trauert. Und Sie selbst könnten vielleicht ruhig etwas weniger mitleidsvoll mit Luisa umgehen. Sonst verstärken Sie ihre Stellvertreter-Trauerrolle ja immer noch. Ich würde jetzt nicht zu einem Kindertherapeuten gehen, weil das alles wieder nur an Luisa festmachen würde, sondern, wie gesagt, zu einem Familientherapeuten. Die ganze Familie soll zusammenhelfen, um Luisa aus ihrer Rolle zu befreien. Die anderen (vor allem die Älteste und Ihr Mann) sind vielleicht insgeheim weniger mit dem Verlust "fertig", als sie bisher tun.
Sie finden Familientherapeuten in fast jeder Erziehungs- und Familienberatungsstelle.
Ich wünsche alles Gute!
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt