Lieber Dr. Schmidt,

 

da ich mit meiner Schwiegermutter nicht mehr weiter weiß, suche ich nun bei Ihnen Hilfe.

Ich bin nun seit 3,5 Jahren mit meinem Freund zusammen. Ich muss dazu sagen, dass mein Freund ein Scheidungskind ist und wir uns blendend mit seinem Vater und der dazugehörigen Stiefmutter verstehen.

Aber seine Mutter war von Anfang an gegen mich.

Sie hatte wohl schon ein Problem damit, dass mein Freund noch zur Schule ging und ich 1 Jahr älter bin als er und bereits in der Ausbildung war.

Naja, sie hat dann viel Stress in der Familie gemacht und sogar behauptet, dass mein Freund mich nicht lieben würde.

Aber diese „Kleinigkeiten“ haben wir nach einer gewissen Zeit regeln können.

Dann kam aber hinzu, dass wir schon nach 4 Monaten zusammen gezogen sind. Dies lag zum einen an unserem Bedürfnis alleine zu sein und zum anderen, weil ich bei seiner Mutter nicht unbedingt oft erwünscht war. Damit hatte sie dann ja auch wieder ein Problem, weil ihr Sohn lieber erstmal alleine wohnen sollte.

Naja, ich denke, dass das ein ganz normaler Abnabelungsprozess war. Aber wir schleppen uns so mit einer Sache zur nächsten.

Ich habe schon immer bei den Besuchen gemerkt, dass es ihr nur um ihren Sohn ging. Ich muss dazu sagen, dass mein Freund nie alleine zu seiner Mutter wollte und ich immer gesagt habe, dass wir doch mal wieder dahin könnten. Sie unterstellt aber, dass ich alles entscheide und ihn nicht zu ihr lasse. Leider hat mein Freund nicht den Mumm ihr ins Gesicht zu sagen, dass er nicht zu ihr will. Er meldet sich dann einfach nicht und geht nicht mehr hin. Dies liegt wohl daran, dass er immer untergebuttert worden ist. Er durfte nie eine eigene Meinung haben, es zählte nur ihre. Dadurch stottert er wohl auch zwischendurch, wenn er mal was erzählt. Früher durfte er ja auch nie ausreden.

Aber vor einiger Zeit gab es dann den Riesenknall: Wir haben ihr erzählt, dass ich schwanger war. Das war ja natürlich der Schock schlechthin. Ich hätte ihm natürlich das Kind angedreht und als ich meinte, dass meine Großeltern auf das Kind später aufpassen würden, wenn ich halbtags oder teilzeit arbeite, meinte sie nur ich sei eine Rabenmutter.

Naja, auch das haben wir weggesteckt (dachte ich zumindest), denn sie ließ nicht locker und wollte dann Einzelgespräche mit meinem Freund…

Zu guter Letzt habe ich das Kind verloren. Am Tag nach der OP meinte sie nur, dass es besser so sei und wir zu jung seien und wir es wohl auch nicht richtig wollten, sonst wäre es ja nicht passiert. Das hat mich natürlich sehr getroffen. Wir wollten beide dieses Kind so sehnsüchtig und sie nimmt unsere Meinung nicht ernst.

Nun ja, einige Wochen später auf einer Familienfeier musste ich feststellen, dass die Tante meines Freundes wieder schwanger sei. Das hat mich natürlich traurig gemacht und ich bin erstmal raus, um mich zu beruhigen. Dann kam seine Mutter hinterher und meinte, ich solle mich nicht so anstellen und schließlich meine Rolle spielen. Sie hätte mir das auch mit Absicht nicht vorher gesagt, obwohl ich der Meinung war, dass ich mich dann damit auseinandersetzten hätte können. Schließlich habe ich kein Problem mit anderen Schwangeren oder Babys (habe bereits mehrfach wieder Kontakt zu Kindern gehabt), sondern war nur so traurig, als ich den Bauch gesehen habe und ich auch ungefähr so weit gewesen wäre.

Sie unterstellte mal wieder, dass ich alles entscheide und mein Freund sofort springen muss, wenn ich etwas sage. Dann sollte er sich entscheiden, ob er nun da bleibt oder mit mir geht…

Eigentlich wollte ich ja nicht gehen sondern mich nur beruhigen aber sie trieb mich zur Weißglut.

Irgendwie kann ich die ganze Situation nicht so rüberbringen, wie es war aber ich hoffe, man kann es trotzdem etwas nachvollziehen.

Wie schon so oft, schrieb sie meinem Freund dann einen Brief, nachdem wir gegangen sind.

Sie hat dann der ganzen Familie von der Fehlgeburt erzählt und gab mir dafür die Schuld. Keiner hatte angeblich Verständnis dafür.

Mein Freund bekam die Vorwürfe, dass er endlich „Manns genug sein soll und endlich zu seiner Familie stehen soll“.

In diesem seitenlangen Brief ging es wie immer nur um mich. Aber ich will hier nicht alles abschreiben. Kurzgefasst stand drin, dass er zu seiner Familie halten soll und dass die Familie viel wichtiger sei und er endlich mal realistisch unserer Beziehung gegenüber sein soll. Ach ja und ich sollte doch bitte ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn ich Probleme mit anderen Schwangerschaften hätte. Ich denke, sie hat die Situation total missverstanden. Gerne hätte ich ihr das auch erklärt aber ich kann einfach nicht mehr, denn schließlich habe ich schon oft das Gespräch gesucht und versucht es ihr recht zu machen.

Zu guter letzt stand drin, dass ich ja einen wahnsinnigen Hass auf sie hätte und alles verdrehen würde…

Aber ich habe keinen Hass auf sie. Eigentlich hab ich sie auch total gern gehabt, denn es gab ja auch mal eine Zeit mit wenig Problemen, sonst wäre ich wohl auch nicht so oft dahingefahren… oder hätte sie angerufen.

Ich hätte ihr auch gerne dabei geholfen ein besseres Verhältnis zu ihrem Sohn aufzubauen aber sie lässt sich ja nichts von einer jüngeren sagen und ich meine es ja sowieso nicht gut.

Dass ihr Sohn sie nicht mal umarmen will, liegt bestimmt nicht an mir, er mag es einfach nicht. Bei anderen Frauen (Stiefmutter, seiner Schwiegermutter…) hat er kein Problem damit.

Mir haben schon mehrere gesagt, dass sie mich einfach nicht leiden kann und sich das nie ändern wird. Das finde ich nur so schade, weil ich das ja gar nicht möchte.

Eigentlich wüsste ich gerne, wie ich mich verhalten soll. Im Moment haben wir keinen Kontakt zu ihr. Aber gut geht es uns und vor allem mir nicht dabei…

Hallo,
dass Sie Ihr Kind verloren haben, ist sehr traurig. Aber auch genau aus diesem Grund: Wieso geht es Ihnen nicht gut dabei, wenn Sie keinen Kontakt zur Schwiegermutter haben? Es ist doch das Beste, was Ihnen passieren kann!

Leider schreiben Sie nicht, wie alt Sie sind, aber ich vermute mal, dass Sie noch recht jung sind. Das schließe ich daraus, dass Sie und Ihr Partner noch so sehr auf die Eltern, sprich Schwiegermutter, fixiert sind. Wenn Sie älter wären, wäre Ihnen das mit der Schwiegermutter viel gleichgültiger und nebensächlicher. Und das sollte es Ihnen und vor allem Ihrem Partner auch jetzt schon sein. Aber dazu müssen Sie beide sehr stark sein!

Das Problem ist ja nicht so sehr die Schwiegermutter. Das Hauptproblem ist, wie sich Ihr Partner von seiner Mutter endlich emanzipieren kann. Wie er ihr endlich mal Grenzen aufzeigen kann, sie in ihre Schranken verweisen und sie ausgrenzen kann. Wie er sich innerlich von ihr lösen kann und ein erwachsener Mensch werden kann. Eigentlich hätte Ihr Partner mir schreiben müssen, denn das Ganze ist SEIN Problem, nicht Ihres. Es ist seine Aufgabe, seine übergriffige Mutter endlich klein zu kriegen.

Mein Rat deshalb: Distanzieren Sie sich von der Schwiegermutter. Kümmern Sie sich gar nicht mehr um die. Tun Sie so, als gäbe es die gar nicht. Machen Sie dazu aber Ihrem Partner klar, dass es ab sofort ganz allein seine Aufgabe ist, seine Mutter in die Schranken zu verweisen. Dass er seiner Mutter endlich widersprechen muss (davon geht sein Stottern weg). Dass er seine Liebe zu Ihnen gegen seine Mutter verteidigen und erkämpfen muss. Dass er auf diese Weise erwachsen wird und zu Ihnen stehen kann, ganz egal, was seine Mutter sagt. Wenn er das schafft, wird seine Mutter langfristig stolz auf ihn sein, auch wenn es vorübergehend wahrscheinlich heftigen Krach geben wird. Aber das ist wie ein reinigendes Gewitter. Danach scheint wieder die Sonne. Und vor allem: er selber reift dabei heran zu einem tollen Ehemann, der zu seiner Frau steht.

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt