Guten Tag Herr Schmidt

Ich bin zufällig auf Ihre Internetsite gestossen, und da es mir zur Zeit
leider nicht besonders gut geht, dachte ich, es kann sicherlich nichts schaden
wenn ich Ihnen mein Problem mal schildere.

Also ich bin nun 18 und mein Bruder ist 14. Seit er, also mein Bruder, 6
Jahre ist, leidet er unter akuter Zwangsneurose. Er war schon in den
verschiedensten Heimen und auch schon 2x mal in einer Klinik. Vor ca. 2
Jahren hat er
mal für ungefähr 1 jahr wieder zu Hause gelebt. D.H. zuerst bei meiner
Mutter
und mir, nachdem er dann aber mal ausgerastet war und mit dem Messer auf
meine
Mum losging, wohnte er dann bei meinem Dad.

Doch im Frühling 2002 ist dann die ganze Situation leider total eskaliert.
Er ist so gegen 12 Uhr mittags von seiner Privatschule abgehauen und dann zu
meiner Grossmutter gegangen. Dort hat er sie während ungefähr 6 Stunden mit
seinen Zwangsfragen überhäuft wie z.B. "Kann mir was passieren, weil ich
heute
erst um 5 nach 6 anstatt um 6 aufgestanden bin"..."Bist Du sicher". Und
solches Zeugs während 6 Stunden. Naja irgendwann ist er dann total
ausgerastet und
begann Sachen rumzuwerfen. Schliesslich baten dann meine Grosseltern den
Psychologen meines Bruder, unseren Vater, und meine Götti zu sich um Ihnen
zu
helfen. Nachdem Ihn aber keiner beruhigen konnten mussten Sie dann
notgedrungen
die Polizei rufen, die Ihn dann auch sofort notfalls in eine Klinik brachte.

Als dies passierte war ich alleine zu Hause, da meine Mum gerade in den
Ferien war. Als meine Oma mir das erzählte bin ich erst mal weinend zusammen
gebrochen. Doch schon am nächsten morgen, spielte ich wieder die Rolle der
Glücklichen in der Schule. Ich wollte einfach alles verdrängen so gut es
ging, wie
ich das bislang auch immer getan hatte.

Ja jedenfalls konnte diese Notfallklinik meine Bruder nicht behalten, da er
jenste Dinge beschädigte, nicht auf seinem Bett schlafen wollte, und
allgemein sehr unkooperativ war. Also kam er in eine andere Klinik. Eines
Tages ist
er dort abgehauen und die ganze Nacht über verschwunden geblieben. Ich sage
Dir, das war echt der totale Horror für die ganze Familie.

Kurz vor Weihnachten 03 , dazumals war er dann nicht mehr in der Klinik
sonder wieder in dem Heim, in dem er mit 6 schonmal war, ist er dann wieder
abgehauen und bis zum Mittag des 24. nicht mehr aufgetaucht. Also
Weihnachten
waren damit ziemlich im Eimer.

Dazumals war ich im ersten Lehrjahr. An dem 24. als er ja immer noch
verschwunden war, da war ich echt so fertig, dass ich einfach mit jm. reden
musste.
Ich erzählte dann so gut es in meiner derzeitigen Verfassung ging, alles
meinem Chef. Er konnte das sehr gut nachvollziehen, und hat sich auch um
mich
gekümmert.

Nun jedenfalls, jetzt ist mein Bruder in einem Kloster, da Ihn kein Heim
mehr wollte. Ausser Ihm sind dort aber keine anderen Kinder mit Problemen
und
die Leitung hat auch gesagt, Sie würden Ihn nur solange aufnehmen, bis er
keine
ernsthaften Probleme macht.

Die anderen Kinder da haben aber zum Teil schon raus, dass er nicht ganz
"normal" ist und plagen Ihn z.T. sehr. Als Beispiel: Er hat durch seine
Krankheit extreme Berührungsängst. Diejenigen Kinder die das rausgefunden
haben sagen
z.T.: Gib uns SFR.20 oder wir berühren dich". Einfach so total daneben.

Vor ungefähr 2 Monaten rief mein Bruder an einem Montag abend Mich, meine
Mum, meinen Dad, und meine Grosseltern an, und sagte nur: "Ich habe dich
lieb".
Am nächsten Morgen erzählte er mir dann, dass er sich umbringen wollte, er
hätte auch schon Abschiedsbriefe geschrieben. Was ihn schlussendlich davon
abhielt weiss ich auch nicht.

Aber ich habe eine solche Angst dass er es eines Tages tun wird. Für mich
ist das nur eine Frage der Zeit. Er meinte auch schon einige male zu mir:
Weisst du das Leben hat so keine Sinn mehr für mich, ich wünschte ich könnte
sterben". Weisst du wie schlimm es ist, sowas zu hören?


Ja jedenfalls brauche ich einfach jemanden um darüber zu reden. Jemanden
erwachsenen. Meine Eltern fallen da aus, da ich seit Ihrer Scheidung vor 4
Jahren irgendwie nicht mehr über solche persönlichen Sachen mit Ihnen reden
kann.

Der einzige erwachsene der mir zur Zeit das Angebot gemacht hat, ist mein
Chef ( ich bin jetzt im 2. Lehrjahr). Dazu ist zu sagen, wir sind eine
kleine
Firma und haben untereinander eigentlich alle ein relativ gutes Verhältniss.
Ich habe ja auch schon 3,4 mal mit dem Chef darüber gesprochen und er
versteht
das Alles wirklich gut.

Vor gut 2 Wochen habe ich wieder mit Ihm darüber geredt. Er meinte aber ich
sollte mich mal mit meiner Mutter zusammensetzen und mit Ihr darüber reden.
Aber das ist echt einfacher gesagt als getan. 1. kann ich wie gesagt seit
der
Scheidung nicht mer über persönliche Dinge mit Ihre reden ( das weiss mein
chef nicht) und 2. hat sie selbst genug Probleme mit meinem Bruder und ich
will
sie echt nicht noch mehr belasten!! Nur, wie soll ich das meinem Chef
erklären. Das ist mir im Moment noch zu persönlich Ihm zu erklären. Aber
anderseits
befürchte ich er könnte denken: "na toll, ich höre Ihr zu, gebe Ratschläge,
aber Sie befolgt Sie ja dann doch nicht".
Weisst du, vor Ihm hatte ich 2 andere Vertrauenspersonen, die mich aber die
eine nach 3 Jahren, die andere nach 1 Jahr plötzlich hängen liessen. Die
eine
hatte dann selbst Probleme in der Family, bei der anderen weiss ich nicht
wieso.

Ja jedenfalls habe ich einfach extreme Angst, dass mir das beim Chef wieder
passieren könnte, aus welchem Grund auch immer. Genau darum habe ich auch
Angst im allzusehr zu vertrauen, aber das ist nach meiner Meinung nun mal
nötig,
damit die Gespräche auch was bringen...

Manchmal wünsche ich mir auch einfach er würde mich in die Arme nehmen und
eine Weile festhalen, damit ich mich mal richtig ausheulen kann, oder
zumindest mal abschalten kann. Doch ich weiss nicht wie ich das anstellen
soll, damit
er das tut, ich meine er ist mein Chef...Aber ich bräuchte das wirklich
sehr...

Ich war mal bei einem Psychologen, aber ganz ehrlich gesagt, das hat mir
nicht viel geholfen. Echt nicht, die hören doch meist nur zu weil es Ihr Job
ist, aber nicht weil sie sich wirklich für einen Interessieren.


Ja, das wär eigentlich alles...Sorry ist trotzdem ein bisschen länger
rausgekommen als beabsichtigt.

Ich hoffe Sie könne mich einigermassen verstehen!

Liebe Grüsse

Daniela

Liebe Daniela,

vielen Dank für deinen bewegenden Brief! Das ist alles sicher recht schwierig für dich. Zum Einen scheint dein Bruder schon recht lange ernsthaft psychisch krank zu sein. Zum Anderen ist deine Familie auch noch so gestört, dass du dort bei niemandem Halt und Zuspruch zu finden scheinst. Was mir besonders auffällt ist, dass du gar nichts von einer professionellen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung deines Bruders schreibst. Er scheint in Heimen und in einem Kloster zu leben, in eine Privatschule zu gehen und verschiedentlich Kurzzeitaufenthalte in Kliniken gehabt zu haben...aber nichts Ernsthaftes scheint bisher passiert zu sein, was ihm wirklich helfen könnte. Kann das sein, dass dies bisher wirklich nicht stattfand, oder hast du es nur nicht erwähnt? Zumindest kann man heute solche psychischen Krankheiten, wie sie dein Bruder hat, medikamentös recht gut behandeln. Dazu muss aber Psychotherapie kommen, in eurem Fall am Besten eine Familientherapie mit ergänzender Einzel- oder Gruppentherapie für deinen Bruder. Hat so etwas wirklich bisher nicht stattgefunden? Wenn nicht, ist das ja für dich unerträglich, wenn man deinem armen kleinen Bruder nicht hilft! Schreib mir doch bitte noch einmal dazu etwas mehr, wenn du möchtest.

Dass du so einen netten Chef hast, ist prima, aber sicher keine Dauerlösung. Es hat ja auch Nachteile, denn du bist ja beruflich von ihm abhängig, und er ist kein Psychotherapeut für dich, sondern in erster Linie dein Chef. Du kannst nicht sicher sein, dass es ihm nicht irgendwann mal zu bunt wird mit dir. Deshalb rate ich dir, als Erstes doch noch einen weiteren Versuch mit einem professionellen Psychotherapeuten zu machen. Die schlechte Erfahrung, die du schon mal gemacht zu haben scheinst, darfst du auf keinen Fall verallgemeinern. Man muss oft mehrere Anläufe bei verschiedenen Therapeuten machen, bis man beim Richtigen landet. Ich glaube, du schreibst aus der Schweiz. In Deutschland könntest du in eine Familienberatungsstelle gehen und könntest dort kostenlos und unbürokratisch eine Gesprächspartnerin finden, die sich echt für dich interessiert. Wie ist das in der Schweiz? Ich glaube, dort ist es ähnlich.

Es geht also derzeit für dich um Zweierlei: Zum Einen wäre zu klären, wie man deinem Bruder in Zukunft besser professionell helfen könnte. Zum Anderen solltest du einen professionellen Therapeuten für dich selbst suchen.

Übrigens: Wer ist "meine Götti"?

Mit besten Grüßen,
Hans-Reinhard Schmidt