meine ex-freundin hat mich im dritten schwangerschaftsmonat verlassen. aus heutiger sicht weiss ich, dass wir uns einfach zu kurz kannten und die schwangerschaft für beide eine probe darstellte. ich habe mich immer auf unsere tochter gefreut hatte aber sehr viel arbeit und kümmerte mich um meine partnerin wahrscheinlich zu wenig. vielleicht waren wir auch grundverschieden und hatten keine chance uns wirklich kennenzulernen.   vor einem jahr kam unsere tochter zur welt. wir sind beide sehr glücklich und stolz auf sie. ich möchte am liebsten jede sekunde mit ihr verbringen. ich liebe sie von ganzem herzen. die letzten 12 monate sah ich sie auch regelmäßig am samstag nachmittag. während der woche schaute ich auch immer für eine stunde vorbei. wir hatten es sehr gut gemeistert. lange zeit kämpfte ich noch um unsere beziehung. ich versuchte es auch mit mediation, aber meine ex-freundin war dazu nicht bereit. sie ging einmal mit, aber es war eher ein anlass um mir zu sagen, dass sie mich nicht liebt.   wir haben grundsätzlich ein sehr gutes verhältnis. ich verstehe mich auch sehr gut mit ihren eltern. wir haben noch heute regelmäßig kontakt.   seit 2 monaten bin ich etwas irritiert. sie sagte mir, dass sie eine neue beziehung eingeht. es tat mir im ersten moment sehr weh. ich spürte, dass ich aber nicht darunter leide. ich sage zwar, dass ich sie nicht mehr liebe. aber ganz ist die liebe noch immer nicht weg. ich schätze sie und möchte eine freundschaftliche beziehung mit ihr erhalten.   leider hatte die neue beziehung auswirkungen auf mich. ich bekam unsere tochter am samstag statt erst um 14.00 uhr schon ab 10.00 uhr, allerdings kann ich sie nicht mehr während der woche sehen. ich spüre, dass ich im letzten jahr ein sehr enges und herzliches verhältnis zu meiner tochter aufbauen konnte. wenn ich sie anspreche, ob sie zum papa kommt lacht sie mich an und krabbelt schnell zu mir. solche kleinigkeiten sind mir sehr wichtig. ich habe irgendwie angst, dass der neue partner mich verdrängen möchte. zum glück habe ich aber auch soviel selbstvertrauen, dass ich weiss dass das nie geschehen wird.   ich tue mir derzeit etwas schwer mit dieser situation. bei unserem ersten zusammentreffen wollte der neue freund meiner ex-freundin betreffend besuchsregelung mitsprechen. ich blieb ruhig, aber ich besprach mit meiner ex-freundin dass ich mit ihm solche sachen nicht besprechen möchte. wenn sie mit ihm sich in ruhe abstimmen will gebe ich ihr gerne mehr zeit. mit ihm setze ich mich aber nicht hin und bespreche diese wichtigen dinge. das sehe ich nur als thema zwischen ihr und mir.   irgendwie habe ich sorge, dass es immer schwieriger wird. die längeren samstage sind sehr toll. ich kann endlich mit meiner tochter alltag erleben. ich koche für sie das mittagessen und ich lege sie zu mittag schlafen. am nachmittag haben wir immer eine ganz tolle gemeinsame zeit.   hätten sie tipps wie ich mit dieser situation am besten umgehen soll. ich will zu ihrem neuen freund eigentlich kein enges verhältnis. er ist mir nicht wirklich sympathisch. ich wäre nicht ehrlich wenn ich mich mit ihm künstlich als freund gebe.   mich beschäftigt auch, dass ich meine tochter jetzt nur noch 1 x pro woche sehe. ich würde sie gerne öfters sehen. hoffe auch, dass ich sie später jedes zweite wochenende bei mir haben kann, aber auch in der dazwischenliegenden woche sehe. durch diese situation wurde ich schon zum richtigen diplomaten. meine hörner habe ich mir schon lange abgestossen, allerdings meinen willen kann mir niemand nehmen.   würde mich über ihren ratschlag sehr freuen.   grundsätzlich geht es mir aber gut. die sehnsucht nach meiner tochter ist aber grenzenlos.   liebe grüße   wolfgang

Lieber Wolfgang,
vielen Dank für Ihren anrührenden Brief! Aus der Sicht Ihrer kleinen Tochter kann ich sagen, dass man sie nur beglückwünschen kann zu solch einem liebevollen Papa, wie Sie es sind! Sie wird mittel- und langfristig genau auseinanderhalten lernen, wer ihr wirklicher Vater und wer der "Zweitvater" oder "Mamas Freund" sein wird, wenn Ihre väterliche Liebe weiter so stark sein wird. Sie werden immer Mittel und Wege finden, ihre Tochter spüren zu lassen, was sie Ihnen bedeutet. Dabei haben Sie einen biologisch-psychologischen Vorteil, den der neue Partner der Kindesmutter niemals wird einholen können.
Sie müssen sich also überhaupt keine Sorgen machen, dass Sie Ihrer Tochter entfremdet werden könnten oder der neue Partner Ihnen aus der Sicht Ihrer Tochter den Rang ablaufen könnte.
Dass es für Sie gleichwohl bitter ist, relativ wenig Kontakt zu Ihrer Tochter zu haben und am Alltag ziemlich wenig Anteil zu nehmen, ist natürlicherweise durch die Trennung von Ihrer Freundin bedingt und wird sich leider auch nicht ändern lassen. Umso mehr werden Sie jede Stunde genießen, die Sie mit Ihrer Tochter verleben werden. Für die Intensität einer Vater-Tochter-Beziehung ist nicht in erster Linie die gemeinsam verlebte Familienzeit ausschlaggebend, sondern die Qualität der Beziehung, auch wenn sie zeitlich begrenzt ist. Ich kenne Vater-Tochter-Beziehungen, wo der Vater z.B. in Hongkong arbeitet und seine 12-jährige Tochter nur ca. alle 3 Monate einen halben Tag sieht (in der Zwischenzeit gibt es SMS, E-Mails, Telefonate, Briefe, Bilder, kleine Geschenke), die sehr liebevoll und besser sind, als so manche Beziehung, bei der der Vater jeden Abend nach Hause kommt und sich überhaupt nicht für seine Tochter interessiert.
Also bleiben Sie bitte stark und unbeirrt. Sie sind und bleiben der wirkliche Vater Ihrer Tochter, und ein sehr liebevoller ausserdem!
Dipl.-Psych.-R. Schmidt