Sehr geehrter Herr Schmidt,
vor 4 Jahren habe ich ( 39 Jahre)  mich von meinem damaligen Mann wegen
eines anderen ( 38 Jahre) getrennt. Seit dieser Zeit bin ich mit ihm
zusammen. Er war damals auch unglücklich verheiratet und hat aus dieser
Beziehung zwei Jungens. Ich habe keine Kinder. Wir beide zogen zusammen.
Seine Frau blieb mit den Kindern ( damals 11 und 9 Jahre alt) im
gemeinsamen Haus.Wir beide bezogen in der Nähe, auch wegen seinen
Kindern die er öfters sehen konnte, eine kleine Wohnung. Alles lief
klasse. Die Kinder kamen alle 14 Tage übers Wochenende zu uns und es
schien alles glücklich zu sein. Seine Frau zog dann aus dem Haus mit den
Kindern zu ihrem neuen Partner. Dieser Mann war ziemlich überfordert mit
den Kindern.Er forderte die Mutter auf, die Kinder mit dem Kochlöffel zu
schlagen. Was sie dann auch tat. Er stellte die Kinder in die Dusche und
brauste sie kalt ab. Muss dazu sagen, dass die Mutter schon immer mit
der Erziehung der Beiden nicht klar kam.
Aufgrund dessen beschloss mein Freund und ich die Kinder zu uns zu
holen. Wir zogen in das Haus ein und hatten viel Arbeit mit der
Renovierung der einzelnen Zimmer. Seine Exfrau hatte im Haus nichts mehr
gemacht.
Mein Leben hat sich danach völlig verändert. Da ich keine Erfahrung mit
Kindererziehung habe und mein Freund sich auch erst mal in die Rolle der
verantwortungsvollen Vaters einleben muss, geht es manchmal drunter und
drüber bei uns. Er hatte früher mit Kindererziehung nichts am Hut. Er
ging arbeiten, kam nach Hause, lag 'ne Stunde auf dem Sofa und danach
ging es zur Stammkneipe. Seine Frau managte den Haushalt und erzog die
Kinder.
Jetzt hat er die Verantwortung für die Kinder, mittlerweile 13 und 15
Jahre alt.Seine Ex Frau ist wie gehabt überfordert mit den Kindern und
auch mit sich selbst. Die Beiden sind in der Pubertät. Der Grosse hat zu
nichts Lust. Er geht im Sommer von der Hauptschule und hat, wegen
seines  schlechten Zeugnisses,keine Lehrstelle gefunden. Wir hoffen,
dass er das zehnte Schuljahr noch machen kann.Der Kleine ist ein wilder
Feger. Beide sind aber liebe Kinder.
Wenn die Kinder nicht aufräumen oder die Hausaufgaben nicht gemacht
haben, oder wenn sie sich streiten, brüllt mein Freund wie blöd in der
Gegend herum. Ich bin da schon cooler. Ich sehe vieles bei den Kindern
nicht so eng. Was mich stört, ist die Unzufriedenheit und die Nörgelei
meines Freundes. Alles ist Mist. Die Politik, Kindererziehung,
Deutschland usw.usw. Ans auswandern hat er auch schon gedacht. Mich
macht das langsam krank. Habe mittlerweile eine Gastritis und kann, seit
Einzug in das Haus, nicht mehr schlafen.Ich versuche ihm klar zu machen,
das er nicht alles so eng sehen soll. Er soll lieber mal über einige
Situationen lachen als nur rum zu brüllen. Manchmal denke ich, dass ich
vor lauter Verständnis und Vermitteln zwischen den Kinder und dem Vater
eingehe. Doch wir beide verstehen uns nach wie vor klasse. Wir reden
viel über unsere Situation und haben alles klar vor Augen. Doch diese
Schreierei geht mir an die Nerven.
Früher habe ich viele Dinge für mich gemacht. Doch ich habe keine Kraft
mehr etwas in Angriff zu nehmen. Bin nur noch platt und müde.
Wir gehen noch ganztags arbeiten. Um 4.30 Uhr stehen wir auf, fahren um
5.30 Uhr zur Arbeit und um 16.00 Uhr sind wir dann wieder zuhause. Dann
Hausaufgaben, Haushalt machen, kochen, mit den Kinder rumdiskutieren.
Dann wird es schon mal 20.00 Uhr werden bis wir zu uns kommen.
Sollte ich vielleicht wieder mehr für mich machen? Früher habe ich viel
genäht, war in einem Tennisverein, bin 2 mal die Woche gelaufen, war
Samstags immer in der Stadt nur zum bummeln, habe mich öfters mit
Freundinnen getroffen.Doch dann habe ich ein schlechtes Gewissen, weil
mein Freund dann mit den Kindern zuhause sitzt. Mit Kindern was zu
machen habe ich auch keine Lust. Alleine schon das Gezanke kann ich dann
nicht mehr hören.
Die Kinder sind zwar alle 14 Tage bei der Mutter, doch in  diesen zwei
Tage können wir nicht so ganz abspannen.Wir gehen dann auch in die Stadt
zum frühstücken und bummeln oder mal in ein schönes Restaurant zum
essen.

Ich möchte gerne Ruhe und Frieden zuhause haben. Nun, ich habe 39 Jahre
ohne Kinder gelebt. Von heute auf morgen bin ich Mutter geworden. Nun
denn. Vielleicht sehe ich das auch alles zu eng? Soll ich meinen Freund
rumbrüllen lassen? Na ja, er bekommt auf jeden Fall keine Gastritis. Er
tobt gleich los, wenn ihm danach ist.

Hoffe auf eine Antwort

Liebe Grüsse
'die kleine Harmoniesüchtige'

Hallo,
harmoniesüchtig kommen Sie mir nun eigentlich gar nicht vor, eher das Gegenteil. Denn man fragt sich doch, wieso sich eine angeblich harmoniebedürftige Person so eine "Familie" anlacht, mit der es Probleme en masse zu geben scheint. Sie haben es mit zwei vorgeschädigten Halbwüchsigen zu tun, die bei einer überforderten Mutter und einem vernachlässigenden Vater aufgewachsen sind, und deren Vater sich auch jetzt seiner Aufgabe immer noch nicht gewachsen zeigt. Und Sie selber als fast 40jähriger Single? Eigentlich können einem die beiden Jungen ein wenig Leid tun, finden Sie nicht auch?
Sie sollten alle gemeinsam in einer Erziehungsberatungsstelle nach einer Familientherapie nachfragen. Die vielen Fragen und Probleme der verschiedenen Familiensysteme, mit denen Sie es zu tun haben, können nur so in vernünftigem Miteinander geklärt und Lösungen für die Zukunft gefunden werden. Denn wenn alles so weiter geht wie bisher, werden Sie sich vielleicht früher oder später überlegen, wie Sie wieder den Absprung aus diesen krankmachenden Familienverhältnissen finden. Denn was hält Sie da auf Dauer? Sie hatten ja früher ein viel schöneres Leben,
glaubt Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt