Guten morgen Herr Schmidt,

ich bin 25 jahre alt und bin alleinerziehend was für mein Problem eingentlich nicht wirklich eine Rolle spielt.
Seit meinem siebzehnten Lebensjahr wohne ich nicht mehr zu hause und das Verhältnis zu meinen Eltern ist viel besser und wir sind Freunde geworden.
Meine Eltern bzw mein Elternhaus war nie perfekt(welches ist das schon?)jedoch hatte ich nie das Gefühl, das diese Ehe mal ein Ende hat: Um auf den Punkt zu kommen, mein Vater (53) und meine Mutter (50) leben sich seit ein paar Jahren extrem auseinander was ich bis jetzt immer sehr gut verdrängt habe.  Seit einiger Zeit jedoch, kann selbst ich nicht mehr darüber hinweg sehen. Mein Vater ist nur noch beim Sport, meine Mom sitzt unglücklich mit sich selbst zu hause und keift jeden an der ihr in den Weg kommt. Sie flüchtet in die Omarolle und mein Vater (wenn er dann mal zu hause ist) säuft sich die Birne zu. Eine Eheberatung haben sie mindestens schon 3 x hinter sich gebracht und geholfen hat es einen scheissdreck!!!!! Leider eskaliert die Sache jetzt in dem Punkt, dass ich herausgefunden habe, dass mein Vater ein Verhältnis hat. Rausbekommen habe ich es dadurch das ich meinen Vater direkt darauf angesprochen habe. Er wollte nicht direkt mit der Sprache rausrücken, hat es mir dann aber doch erzählt und mich darum gebeten nichts irgendjemandem zu erzählen. Gestern hat er mich angerufen und gesagt, dass er sich heute mit dieser Frau treffen wird. Auch das muss ich für mich behalten.
Mein Problem ist, dass ich selbst 4 Jahre lang betrogen wurde, und ein heftiges Problem damit habe, einem Mann, der mir was bedeutet, zu vertrauen, ich will nie wieder verletzt werden und deswegen funktioniert eine Beziehung zu einem Mann auch nicht wirklich. Ich habe angefangen Männer zu hassen. Mein Motto lautet:"Alle Männer sind Schweine ausser Dad". Jetzt bröckelt diese Fassade auch noch. Ich schütze einen Fremdgeher und das passt nicht zu mir, ich hasse mich aber kann nichst zu meiner Mom sagen. Ich weiss mir nicht zu helfen. Was soll ich tun? Die Sache ist nicht meine Angelegenheit, doch ich bin mitten drin. Wie soll ich mich verhalten, bitte helfen Sie  mir
Mit freundlichen Grüßen

Hallo,
ich finde, Sie machen es sich aber sehr einfach mit Ihrer Schwarz-Weiß-Malerei! Ein Mann, der fremdgeht, ist doch kein Schwein. Auch sind nicht alle Männer Schweine, sei es mit oder ohne Ihren Dad. Warum fühlen Sie so undifferenziert und so hasserfüllt? Sind Sie tief drinnen noch so verletzt seit Ihrer Kindheit und Ihrer misslungenen Ehe, dass Sie Ihren Hass so pauschal verallgemeinern müssen? Damit tun Sie vielen Menschen, nicht zuletzt Ihrem Kind und Ihrem Vater, Unrecht.

Wenn eine Ehe kriselt oder scheitert, liegt es selten nur an einem der beiden Partner ganz allein. Meist haben beide Partner mehr oder weniger Anteil daran. Was ist Ihr persönlicher Anteil am Scheitern Ihrer Ehe? Warum ging Ihr Mann fremd, warum Ihr Vater? Doch sicher nicht, weil sie einfach nur Schweine sind. Damit würden Sie es sich zu leicht machen, wenn sie die Schuld so extrem nur auf die Männer schieben und Ihren eigenen Anteil fein säuberlich reinwaschen.

Deshalb mein Rat für Sie: Lassen Sie erstens Ihre Eltern ihre Probleme ganz allein regeln. Es sind erwachsene Menschen, die dabei die Hilfe ihrer Tochter nicht brauchen. Interessieren Sie sich also nicht mehr für das Fremdgehen Ihres Vaters und sagen Sie ihm das auch, damit Sie nicht noch weiter zwischen Ihre Eltern in Loyalitätskonflikte geraten. Aus dem Alter sind Sie heraus. Sie sind ja selbst erwachsen und sollten sich zweitens in erster Linie um Ihr eigenes Lebensproblem kümmern. Wichtige Probleme gilt es da für Sie zu lösen: wie Sie die Beziehung zum Vater Ihres Kindes in Ordnung bringen können (Ihrem Kind zuliebe), und wie Sie eine glückliche neue Partnerschaft gründen können (auch Ihrem Kind zuliebe).

Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt