Hallo Herr Schmidt,

 Mein Mann und ich sind jetzt seit 2 Jahren verheiratet. Seine Eltern haben wir 2 mal fuer 2 Wochen besucht (sie wohnen sehr weit weg). Sein Vater ist bereits 63 und seine Mutter erst 47. Da es ja abzusehen ist, dass sie irgendwann alleine ist, will sie dann bei mir und meinem Mann einziehen. Schliesslich waere das unsere Aufgabe, da mein Mann der Erstgeborene ist. Direkt hat sie das nie gesagt, aber genug Andeutungen gemacht wie "Ich kann ja nicht alleine wohnen... ich weiss ja noch nicht mal wie ich Rechnungen bezahle" und jammert bei meinem Mann "Aber wenn Dad nicht mehr da ist kann ich doch zu dir kommen?" und dann wurde noch erwaehnt, dass es die Aufgabe des Erstgeborenen ist sich um die Eltern im Alter zu kuemmern.
Mein Mann aeussert sich dazu nicht wirklich. Er versucht immer auszuweichen, wenn ich auf dieses Thema zu sprechen komme. Als ich dann meinte, dass ich auf keinen Fall moechte, dass sie spaeter bei uns einzieht, hat er dicht gemacht und meinte man muesse es wenigstens versuchen.
Selbst wenn meine Schwiegermutter "normal" waere, wollte ich sie nicht im Haus haben. Aber sie ist sehr schwierig. Sie respektiert keine Privatsphaere, schnueffelt ueberall rum, liebt es andere Menschen zu blamieren. Sie muss auch immer im Mittelpunkt stehen und wenn sie es nicht tut, dann ist sie so laut und unterbricht andere bis jeder sich wieder um sie kuemmert. Dann kommt sie mir immer vor wie ein 8 jaehriges Kind. Freunde hat sie keine mehr. Mit der Freundin, die sie bis vor kurzem noch hatte, hat sie sich jetzt auch zerstritten.
Mir ist aufgefallen bei unseren Besuchen, dass mein Mann seinen Eltern gegenueber sehr distanziert ist. Mit seinem Vater wird nur ueber Sport geredet und mit seiner Mutter nur ueber ihre Krankheiten und Belanglosigkeiten, da er nicht riskieren moechte, dass sie irgendetwas persoenliches ueber ihn erfaehrt. Das wuerde sonst nach einer Stunde jeder wissen. Seine Mutter scheint wohl auch mittlerweile gemerkt zu haben, dass sie einiges falsch gemacht hat und suchte Bestaetigung „ich war doch eine gute Mutter?“. Mein Mann erwaehnte einmal mir gegenueber, dass er ein schlechtes Gewissen und Schuldgefuehle haette, dass er seinen Eltern nicht nahe steht und sich so abgekapselt hat.

Ich verstehe einfach nicht, warum mein Mann bereit ist unsere Ehe zu riskieren und seine Mutter aufzunehmen und wie er sich ueberhaupt vorstellen kann, dass das funktionieren wuerde. Oft, wenn er von seiner Kindheit erzaehlt, erwaehnt er wie schwierig seine Mutter sei, was sie ihren Kindern an den Kopf warf („Ich kanns kaum erwarten, bis du 18 bist und ausziehst“), wie er nie Freunde mit nach Hause bringen wollte (er wurde ein paar Mal uebel blamiert), u.s.w. Er ist auch mit 18 gleich ausgezogen und hat sie dann alle 1-2 Jahre besucht.

Ich weiss einfach nicht, wie ich in dieser Beziehung mit meinem Mann umgehen soll und wie ich verhindere, dass meine Schwiegermutter bei uns einzieht. Ausserdem ist mir diese Mutter-Kind-Beziehung fremd, da ich mit meiner Mutter ein sehr gutes und auch offenes Verhaeltnis habe, aber dennoch nicht dieses Gefuehl ihr verpflichtet zu sein.

Ich hoffe Sie koennen mir weiterhelfen!

Hallo,
vielen Dank für Ihren interessanten Brief!
Aber wieso wollten Sie Ihre Schwiegermutter nicht bei sich haben, selbst wenn sie "normal" wäre? Dass Sie sie nicht bei sich haben wollten, weil sie so gestört ist, könnte ich verstehen. Aber das andere eigentlich nicht. Dass Ihr Mann es sich trotz der familiären Schwierigkeiten mit seiner Mutter mit seiner Entscheidung nicht so leicht macht wie Sie, ehrt ihn. Natürlich fühlt er sich verpflichtet, sich später um seine Mutter zu kümmern, so schwierig sie auch sein mag. Wie gesagt, dass ehrt ihn und das sollten Sie auch ehrenwert finden und ihm ausdrücklich honorieren. Verstehen Sie? Sagen Sie ihm ausdrücklich, dass Sie es schön finden, dass er sich seiner Mutter gegenüber verpflichtet fühlt wie jedes Kind seinen Eltern gegenüber. Fühlen Sie sich Ihren Eltern gegenüber denn nicht auch so verpflichtet?

Dass Ihre Schwiegermutter aber eine wohl etwas schwierige Person zu sein scheint (obwohl Sie als Schwiegertochter das vielleicht etwas überspitzen), macht die Sache natürlich etwas komplizierter. Das gestörte Verhältnis Ihres Mannes zu seinen Eltern kommt noch dazu. Ihr Mann scheint innerlich noch nicht wirklich gelöst von seinen Eltern zu sein. Er fühlt sich seinen Eltern gegenüber nicht nur im obigen Sinne ganz natürlich, sondern obendrein auch noch schuldhaft verpflichtet. Das ist für Ihren Mann also eine sehr schwierige Gewissensentscheidung. In dieser Situation sollten Sie es Ihrem Mann nicht noch schwerer machen, indem Sie Ihre Position so kategorisch in den Vordergrund schieben. Dass Sie und Ihre Schwiegermutter sich nicht riechen können, weiss Ihr Mann ja sicherlich zur Genüge. Es ist für ihn als Sohn seiner Mutter schon schwer genug.

Sie sollten also aus meiner Sicht die Entscheidung in erster Linie Ihrem Mann überlassen. Er kennt ja die Pros und Contras, wenn einmal seine Mutter bei Ihnen leben sollte. Wenn er sich entscheidet (obwohl er Ihre Bedenken kennt), seine Mutter bei Ihnen aufzunehmen, sollten Sie Ihr Bestes geben und es versuchen, Ihrem Mann zuliebe.

Das Ganze spielt sich ja wohl erst in ca. 15 Jahren ab. Wer weiss, wie sich bis dahin die Beziehung zu Ihrer Schwiegermutter noch entwickeln wird? Vielleicht zum Guten?

Wünscht Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt