| Hallo Herr
Schmidt, Mein
Mann und ich sind jetzt seit 2 Jahren verheiratet. Seine
Eltern haben wir 2 mal fuer 2 Wochen besucht (sie wohnen
sehr weit weg). Sein Vater ist bereits 63 und seine
Mutter erst 47. Da es ja abzusehen ist, dass sie
irgendwann alleine ist, will sie dann bei mir und meinem
Mann einziehen. Schliesslich waere das unsere Aufgabe, da
mein Mann der Erstgeborene ist. Direkt hat sie das nie
gesagt, aber genug Andeutungen gemacht wie "Ich kann
ja nicht alleine wohnen... ich weiss ja noch nicht mal
wie ich Rechnungen bezahle" und jammert bei meinem
Mann "Aber wenn Dad nicht mehr da ist kann ich doch
zu dir kommen?" und dann wurde noch erwaehnt, dass
es die Aufgabe des Erstgeborenen ist sich um die Eltern
im Alter zu kuemmern. Ich verstehe einfach nicht, warum mein Mann bereit ist unsere Ehe zu riskieren und seine Mutter aufzunehmen und wie er sich ueberhaupt vorstellen kann, dass das funktionieren wuerde. Oft, wenn er von seiner Kindheit erzaehlt, erwaehnt er wie schwierig seine Mutter sei, was sie ihren Kindern an den Kopf warf (Ich kanns kaum erwarten, bis du 18 bist und ausziehst), wie er nie Freunde mit nach Hause bringen wollte (er wurde ein paar Mal uebel blamiert), u.s.w. Er ist auch mit 18 gleich ausgezogen und hat sie dann alle 1-2 Jahre besucht. Ich weiss einfach nicht, wie ich in dieser Beziehung mit meinem Mann umgehen soll und wie ich verhindere, dass meine Schwiegermutter bei uns einzieht. Ausserdem ist mir diese Mutter-Kind-Beziehung fremd, da ich mit meiner Mutter ein sehr gutes und auch offenes Verhaeltnis habe, aber dennoch nicht dieses Gefuehl ihr verpflichtet zu sein. Ich hoffe Sie koennen mir weiterhelfen! |
Hallo,
vielen Dank für Ihren interessanten Brief!
Aber wieso wollten Sie Ihre Schwiegermutter nicht bei sich haben,
selbst wenn sie "normal" wäre? Dass Sie sie nicht bei
sich haben wollten, weil sie so gestört ist, könnte ich
verstehen. Aber das andere eigentlich nicht. Dass Ihr Mann es
sich trotz der familiären Schwierigkeiten mit seiner Mutter mit
seiner Entscheidung nicht so leicht macht wie Sie, ehrt ihn. Natürlich
fühlt er sich verpflichtet, sich später um seine Mutter zu kümmern,
so schwierig sie auch sein mag. Wie gesagt, dass ehrt ihn und das
sollten Sie auch ehrenwert finden und ihm ausdrücklich
honorieren. Verstehen Sie? Sagen Sie ihm ausdrücklich, dass Sie
es schön finden, dass er sich seiner Mutter gegenüber
verpflichtet fühlt wie jedes Kind seinen Eltern gegenüber. Fühlen
Sie sich Ihren Eltern gegenüber denn nicht auch so verpflichtet?
Dass Ihre Schwiegermutter aber eine wohl etwas schwierige Person zu sein scheint (obwohl Sie als Schwiegertochter das vielleicht etwas überspitzen), macht die Sache natürlich etwas komplizierter. Das gestörte Verhältnis Ihres Mannes zu seinen Eltern kommt noch dazu. Ihr Mann scheint innerlich noch nicht wirklich gelöst von seinen Eltern zu sein. Er fühlt sich seinen Eltern gegenüber nicht nur im obigen Sinne ganz natürlich, sondern obendrein auch noch schuldhaft verpflichtet. Das ist für Ihren Mann also eine sehr schwierige Gewissensentscheidung. In dieser Situation sollten Sie es Ihrem Mann nicht noch schwerer machen, indem Sie Ihre Position so kategorisch in den Vordergrund schieben. Dass Sie und Ihre Schwiegermutter sich nicht riechen können, weiss Ihr Mann ja sicherlich zur Genüge. Es ist für ihn als Sohn seiner Mutter schon schwer genug.
Sie sollten also aus meiner Sicht die Entscheidung in erster Linie Ihrem Mann überlassen. Er kennt ja die Pros und Contras, wenn einmal seine Mutter bei Ihnen leben sollte. Wenn er sich entscheidet (obwohl er Ihre Bedenken kennt), seine Mutter bei Ihnen aufzunehmen, sollten Sie Ihr Bestes geben und es versuchen, Ihrem Mann zuliebe.
Das Ganze spielt
sich ja wohl erst in ca. 15 Jahren ab. Wer weiss, wie sich bis
dahin die Beziehung zu Ihrer Schwiegermutter noch entwickeln
wird? Vielleicht zum Guten?
Wünscht Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt