Ich brauche dringend Hilfe. Wir wissen nicht mehr wohin ich mich wenden kann. Unser Sohn ist 7 und gerade in die Schule gekommen. Er ist mit seinen 134 cm sehr groß und vom Wissen schon weiter als seine Klassenkameraden. Schon im Kindergarten hatte er Probleme einzusehen, warum er ständig auf andere (vorallem Jüngere) Rücksicht nehmen sollte. Irgendwann hat er angefangen sich Luft zu machen auch den Unmut gegenüber den Erziehern klar zu stellen. Da fing es an, dass er als ADHS Kind abgestempellt wurde. In den ersten 1,5 Monaten in der Schule war er ganz lieb und ruhig, ist den Lehrern, wie sie mir sagten, nicht aufgefallen. Mein Sohn hingegen sagte mir oft, dass er gehänselt wird und sie ihn ärgern würden. Die Lehrer haben es so abgetan. Darauf hin riet ich ihm (mein Fehler) er solle sich wehren, er sei doch größer und kräftiger. Als er anfing dies zu tun, fing auch wieder der Stress mit dem Vorurteil ADHS an. Und da je fast alle Symtome auf irgendeine Art auf jedes Kind passen ...                                                                                                                               Laut dem Fragebogen den ich vom Neurologen für die Schule bekommen habe und die Lehrerin dazu noch sagt, sie wüßte wie man so einen Fragebogen ausfüllt bei ADHS Kindern, habe ich das Gefühl verloren zu haben. Für die Lehrer ist es doch am bequemsten ein Kind damit abzustempeln, als nach den eigentlichen Ursachen zu suchen und die Neurologen verdienen ja daran.    Bitte helfen Sie mir !!! Wie kann ich beweisen, dass mein Kind diesen "Stempel" nicht verdient.                        K.                                                                                             

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief, der vielen anderen sehr ähnelt, die ich in letzter Zeit zunehmend erhalte. Ich beantworte ihn deshalb trotz geschlossener Sprechstunde auch stellvertretend für all die anderen gerne.

Bei den Schwierigkeiten, die Sie und Ihr Sohnemann zu haben scheinen, ist ein somatisch orientierter Neurologe aus meiner Sicht der Dinge nicht die erste Wahl, zumal Sie doch selber offenbar "ADHS-kritisch" eingestellt sind. Warum suchen Sie angesichts dieser aus meiner Sicht gesunden Grundeinstellung ausgerechnet einen somatisch orientierten Neurologen auf und lassen sich diese zweifelhaften Fragebögen aushändigen, die Sie dann auch noch der Lehrerin übergeben? Verhalten Sie sich da nicht gegen Ihre eigene Überzeugung? Sie gehen freiwillig einen Weg, den Sie gar nicht möchten? Das müssen Sie doch gar nicht.

Ich rate Eltern, die nicht an "ADHS" und Ritalin glauben möchten, zuerst in eine Erziehungsberatungsstelle zu gehen und dort einen Diplompsychologen zu verlangen, der ebenfalls ADHS-kritisch eingestellt ist. Wenn es den dort nicht gibt (was unwahrscheinlich ist), geht man ganz einfach in eine andere Erziehungberatungsstelle, es gibt ja über 1000 in ganz Deutschland. Dort lässt man sich bescheinigen, dass man eine Familienberatung wegen der Erziehungsprobleme mit dem Sohn macht, und diese Bescheinigung gibt man dann der Schule, verbunden mit der Bitte, mit der Beratungsstelle zusammenzuarbeiten. Auf die ADHS-Schiene muss man sich als Eltern gegen seinen Willen überhaupt niemals einlassen. Dazu kann Sie niemand zwingen. Sie können jederzeit ganz selbstbewusst in der Schule vertreten, dass Sie an die Modediagnose "ADHS" nicht glauben. Sagen Sie, Sie hätten eine viel bessere Idee, nämlich die zwischen Familie, Schule und Beratungsstelle gemeinsame Hilfe und Suche nach Lösungen im Vorfeld zu Ritalin. Basta! Dem kann sich Schule dann einfach gar nicht entziehen.

Ich gehe natürlich davon aus, dass Sie dann in der Beratungsstelle auch ganz ernsthaft nach Lösungen suchen werden, auch wenn es familiär ans Eingemachte (sprich mögliche Erziehungsstile, Konflikte, Beziehungsprobleme etc.) geht und mühsam oder unbequem sein kann. Nur das ist die Alternative zu Ritalin.
Beenden Sie die Konsultation des Neurologen telefonisch. Verlangen Sie von der Lehrerin, dass sie die Fragebögen vernichtet und nicht an den Neurologen schickt. Und schlagen Sie den von mir vorgeschlagenen Weg ein.

Und bedenken Sie bitte bei allem: Sie haben jeden Schritt selber in der Hand. Sie sind der Boss, wenn es um Ihr Kind geht. Niemand kann Ihnen derzeit einen Weg aufzwingen, den Sie nicht gehen wollen.

Bleiben Sie stark, wünscht Ihnen
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt