Sehr geehrter Herr Schmidt,
im Moment bin ich noch ganz durcheinander, da gestern mein
Sohn (10) beim Stehlen erwischt wurde. Mein erster Gedanke war alles was mit
Pokemon zu tun hat in den Muell zu werfen (es ging um 13!! CD Huellen mit
Pokemon Muenzen und eine Pokemon Plueschfigur). Es ist ja nicht so,dass er nicht genug
Taschengeld bekommt und irgendwie werde ich das Gefuehl nicht los, das er gar nicht
versteht was er getan hat. Es ist leider nicht das erste Mal, einmal wollte er sogar in meinem Beisein
stehlen. Obwohl ich versuche es ihm zu erklaeren, scheint er mich nicht verstehen zu wollen.
Mein Vertrauen zu ihm ist jetzt total erschuettert. Wie erklaert man einem Kind das man nicht alles haben kann und das Stehlen eine falsche Methode ist etwas zu erhalten.
Was mache ich denn jetzt mit diesem Jungen?????
Mit freundlichen Gruessen

Liebe Frau "Pokemon",

ich nenne Sie mal so. Ich finde es immer persönlicher, wenn ich Sie irgendwie mit Namen anreden kann. Vielen Dank für Ihre Anfrage. Ihr Sohn hat also gestohlen. Zunächst erschrickt man als Vater oder Mutter natürlich darüber sehr. Misstrauen macht sich breit, besonders, wenn es nicht das erste Mal war und wenn, wie anscheinend bei Ihnen, das Kind gar keine Reue zu fühlen scheint, keine Besserung verspricht. Ich möchte Ihnen zweierlei sagen: einmal möchte ich Sie etwas beruhigen. Zum anderen schlage ich Ihnen ein pädagogisches Vorgehen vor, damit Ihr Sohn aus allem eine heilsame Lehre ziehen kann. Als Beruhigung: Stehlen bei Kindern kommt sehr, sehr häufig vor. Sehr oft wird es gar nicht entdeckt. Meistens passiert es nur einmal oder wenige Male, meist bedeutet es weiter nichts, als dass die Kinder spontan und unüberlegt einer Versuchung nachgegeben haben, weil es so leicht war, weil der Gegenstand so heissbegehrt war (Pokemon ist ja derzeit eine heisse Liebe sehr vieler Kinder). Es bedeutet überhaupt nicht, dass das Kind schlecht oder verdorben sei, dass aus ihm nun ein Dieb wird, oder was sonst noch für Unsinn geglaubt wird. Seien Sie ganz beruhigt und setzen Sie jetzt erst recht Vertrauen in Ihr Kind. Ihr Sohn hat ja in Ihnen eine Mutter, die ihm helfen wird, den richtigen Weg zu finden. Er ist ja noch kein fertiger Mensch und kann mit Ihrer Hilfe aus diesem peinlichen Erlebnis für sein späteres Leben viel lernen. Ihr erster Impuls, alle Pokemon-Sachen in den Müll zu werfen, war gar nicht so schlecht insofern, als Sie Ihrem Sohn damit drastisch vorgeführt hätten, wie es sich anfühlt, bestohlen zu werden: Sie hätten ihm ja etwas weggenommen, sozusagen "gestohlen". Aber gut, dass Sie es doch nicht gemacht haben. Es wäre eine Überreaktion gewesen, die Ihren Sohn wahrscheinlich nur sehr wütend gemacht hätte. Wut ist aber eine schlechte Basis, um Verhaltensfehler einsehen zu können. Und darauf kommt es an: Ihrem Sohn Gelegenheit zu geben, seinen Fehler einsehen zu können. Ich glaube schon, dass es ihm peinlich ist, dass es ihm Leid tut und dass es ihm nicht gleichgültig ist, ob Sie wütend über ihn sind. Helfen Sie ihm deshalb, alles wieder gutzumachen. Wiedergutmachung ist aus meiner Sicht das beste pädagogische Mittel. Verlangen Sie, dass er mit Ihnen zusammen die gestohlenen Dinge persönlich zurückbringt und jemandem übergibt, bei dem er sich entschuldigen sollte (wenn es in einem Laden war, bei der Verkäuferin oder dem Geschäftsführer. Sprechen Sie dies vorher mit ihr oder ihm terminlich ab). Vielleicht gibt Ihr Sohn freiwillig auch noch etwas zusätzlich von seinen Pokemon-Sachen dazu. Wenn Sie die Sachen schon gar nicht mehr haben, sollte sich Ihr Sohn aber auf jeden Fall noch persönlich entschuldigen. Versuchen Sie, Ihrem Sohn dieses Vorgehen zu erklären, aber verwirklichen Sie es auch, wenn er den Sinn momentan nicht einsehen will oder kann. Später wird er es auf jeden Fall einmal verstehen. Und danach sollte er Ihnen versprechen müssen, dass es nicht wieder vorkommt -und dann vergessen Sie einfach alles und sind wieder fröhlich miteinander!

Mit freundlichem Gruß, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt    

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