| Hallo, heute muss ich unbedingt meine Geschichte loswerden, denn ich bin wirklich verzweifelt und drehe mich ziemlich im Kreis, vor allem aber habe ich Angst, mir selbst was vorzumachen! Es würde mich sehr interessieren, was Sie vom Verhalten meines Mannes halten und ob ein Neuanfang unter diesen Umständen wirklich denkbar ist??? Also, die Story geht so: Mein Mann und ich sind Anfang 40, unser Kind ist 6, obwohl wir es beide sehr lieben, gibt es seit der Geburt immer wieder mal Krisen, weil mein Mann sich zurückgesetzt fühlte, nicht genug im Haushalt engagiert, ich berufliche Probleme hatte, es finanziell enger wurde und wir uns liebe Gewohnheiten wie gemeinsames Weggehen und Kultururlaub nicht mehr leisten können oder keine Kinderbetreuung haben. Er hat dann vor 2 Jahren angefangen, viel Sport zu machen, ist deshalb fast jeden 2.Tag unterwegs, saß an den anderen Tagen viel am PC, was mich zum "Meckern" gebracht hat - sprich unsere Beziehung wurde langweiliger, distanzierter und liebloser und im Bett lief nicht mehr oft was. Soweit sehe ich auch bei mir klar Anteile an den Problemen, die von ihm aber immer zur Seite geschoben wurden nach dem Motto "ich will nicht schon wieder reden, soo schlimm ist es auch wieder nicht." Seit Anfang des Jahres hatte ich zunehmend das Gefühl, dass er sich mir immer mehr entzieht und vor einem guten Monat habe ich ihn dann erwischt - er hat seit ca. 4 Monaten eine Freundin aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis (wir wohnen in einem kleineren Ort/man sieht sich zwangsläufig), die er allerdings nicht sehr häufig treffen konnte, weil sie selbst verheiratet ist und kleine Kinder hat. Die Kommunikation der Beiden läuft also intensiv über SMS und Telefon, wobei das Erwischen so aussah, dass ich ein Telefonat hörte, indem "überlegt" wurde, "wie man denn zum Zusammenleben kommen könnte". Unsere Beziehung war immer durch viel persönliche Freiheit geprägt und mit einem Flirt/"Onenightstand" oder so hätte ich schon mal gerechnet und gedacht, dass wir das verkraften, ich habe keinen übertriebenen Besitzanspruch und war nie eifersüchtig, aber das hat sich natürlich schlagartig geändert, weil ich gemerkt habe, wie "ernst" diese Beziehung von ihm gesehen wird. Trotzdem hat er nach dem Erwischtwerden abgestritten, dass er sich scheiden lassen will und erklärt, dass er Schluss machen wird. Allerdings schon mit der Einschränkung, dass er sie sehr liebt und das nicht ändern kann/will. Es hieß dann, dass sie mit ihrem Mann sprechen will und er "abwarten" will, was aus seinen Gefühlen wird - von mir wurde "Geduld" und "Zeit geben" erwartet und ich sei selbst schuld, habe ihn quasi "aus dem Haus getrieben". Ich habe gemerkt, dass ich ihn noch liebe und auch wegen dem Kind nicht einfach gehen kann. Außerdem ist seine Freundin einfach so sehr das genaue Gegenteil von mir, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass beide überhaupt zusammenleben könnten, und ich habe schon das Gefühl, dass es "nur" ein untauglicher Lösungsversuch meines Mannes ist, aus seiner Unzufriedenheit herauszukommen, vielleicht auch seine, auch von Freunden schon beobachtete "Midlifecrisis" zu überwinden. Gleichzeitig hat er mich mit seinen Vorwürfen sehr verletzt, bis hin zu der Aussage, wir hätten vielleicht nie zueinandergepasst, ich sei (im Gegensatz zu ihr)kein Gefühlsmensch und nicht so liebensfähig und hätte ihn auch (vor 18 Jahren!! als wir uns kennenlernten )"überrumpelt", denn ich hatte damals schon mehrere feste Beziehungen hinter mir, während er noch nur 1 ernstere Beziehung gehabt hatte. Nach etwa einer Woche gestand er mir dann, dass er weiter mit ihr telefoniert hatte, sehr wohl überlegt hatte, ob beide sich scheiden lassen und zusammenziehen wollen, evtl. sogar unser Kind mitnehmen, aber leider habe SIE sich nun mit ihrem Mann versöhnt und deshalb sei jetzt doch Schluss. Einen Tag später: Seine Freundin habe es sich noch mal überlegt und wolle erst mit einer Vertrauten sprechen oder in eine Beratung gehen und dann entscheiden, das müsse man erst abwarten. Er wolle nicht ausziehen, das sei sowieso zu teuer und wenn ich ihn liebe, könnte ich doch wohl 1 Woche warten. Er könne sich einfach auch nicht entscheiden. Nach einer Woche: Seine Freundin habe vorgeschlagen, wir sollten uns wieder versöhnen und dann könne man immer noch "in Ruhe sehen". Es gab dann ein erneutes Treffen, er war enttäuscht, dass sie sich nach der Beratung mit ihrer Vertrauten, entschlossen hat, ihrem Mann noch EINE Chance zu geben - daraufhin machte er vor einer guten Woche erneut Schluss mit ihr und bat sie, ihn nicht mehr anzurufen. Er bemühte sich dann erstmals wieder ernsthaft um mich und entschuldigte sich für die Verletzungen, die er mir zufügt. Da er aber immer wieder betonte, dass er vor allem unser Kind nicht verlassen kann und auch finanziell nicht wüsste, wie es nach einer Trennung (mit oder ohne Freundin) weitergehen soll, war ich sehr skeptisch und bat ihn, mir wenigstens zu sagen, wenn sie sich wieder meldet oder sie sich wieder treffen wollen, was er versprach. Auf Nachfragen erfuhr ich dann nach drei Tagen, dass sie ihn weinend angerufen und ihre Entscheidung für ihren Mann wieder zurückgenommen hat. (Übrigens möchte ich noch erwähnen, dass ICH inzwischen in eine Beratung gegangen war, mein Mann und seine Freundin dergleichen aber als nicht notwendig befanden.) Er überlegte dann, sich noch mal mit ihr zu treffen, weil sie so fertig sei". Nachdem ich ihm sagte, dass ich das für keine gute Idee halte, zumal er weiter versicherte, es wieder mit mir probieren zu wollen, versprach er erneut, sie nicht mehr zu kontaktieren. Leider war mein Vertrauen inzwischen so den Bach runter, dass ich mich vor 3 Tagen entschloss, sein Handy zu checken (- er ging davon aus, dass ich seine PIN nicht rausfinden würde-) und entdeckte prompt neue SMS von ihr, in denen auch von 1 weiteren Treffen die Rede war und hervorging, dass er sie auch angerufen hatte. Ich konfrontierte ihn damit und sagte ihm, dass ich mich nicht länger anlügen lassen will und forderte ihn auf, zu gehen. Er entgegnete, er könne gerne gehen, aber das sei dann meine Entscheidung (sprich: in Bezug aufs Kind sei ich dann Schuld), fand es unmöglich, dass ich ihm hinterherspioniert hatte und sagte, seine Freundin habe sich inzwischen 80% für ihn entschieden, er wisse aber nicht mehr, ob er sie noch wolle, trotzdem sehe er auch bei uns immer weniger Chancen. Außer, dass klar war, dass er nicht gerne ausziehen wollte, dachte ich also, es ist vorbei und war überrascht, dass er vorgestern von sich aus erneut ein Gespräch wollte und sagte, er will sich nicht trennen, habe jetzt endgültig mit ihr Schluss gemacht und werde mir fortan die Wahrheit sagen. Er habe in der vergangenen Woche doch wieder Gefühle für mich gehabt und sehe noch eine Chance für uns. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass er sich aufrichtig bei mir entschuldigte und glaubhaft vermittelte, es mit mir wieder versuchen zu wollen. Er wich auch Gesprächen nicht mehr aus, will aber keine Paartherapie machen (was mir einfach sehr sinnvoll erscheint - ich weiß auch gar nicht, WIE man überhaupt jetzt "neu anfangen" und den entstandenen "Scherbenhaufen" behandeln könnte..) Andererseits habe ich das Gefühl, dass er ja wieder nur aus Enttäuschung über sie "zurückkommt" und weiß nicht, ob das für einen Neuanfang reicht. Wie soll ich wissen, ob ich selbst auch nur zuviel Angst vor der Trennung habe? Man könnte sich auch "vorübergehend trennen", damit er sich erst richtig über seine Gefühle klar wird, aber bei Anderen habe ich leider noch nie erlebt, dass das gut geht. Außerdem würde dann alles bekannt und der Außendruck würde mit Sicherheit auch Richtung "endgültige Trennung" gehen. Ist es normal in so einer "Verliebtheit", dass der Mann sich so äußert, kann man so "verblendet" sein? Wie soll ich jetzt glauben, dass der Kontakt unterbleibt, erst recht, wo weitere zufällige Begegnungen in unserer Wohnumgebung unvermeidlich sind? Würde es Sinn machen, auf eine Paarberatung zu drängen? Woran kann man ermessen, ob er es weiter ernst meint? Was soll ich nur tun? Im Moment ist er sehr lieb, aber der Alltag wird uns sicher schnell wieder einholen. Andererseits denke ich trotz allem immer noch, dass wir Gemeinsamkeiten haben, uns trotz aller Tiefen grundsätzlich immer gut verstanden haben, vielleicht auch recht hohe Erwartungen an unsere Ehe haben, denn die Streitigkeiten, die wir hatten (Haushalt, Geld, wohin in Urlaub, dass alle zufrieden sind...)haben Andere auch und ich dachte bisher immer, dass viele noch weniger liebevoll im Alltag miteinander sind und trotzdem kämen sie nicht auf die Idee, sich zu trennen. Übrigens lief es in den vergangenen Wochen an "guten Tagen" auch im Bett wieder prima - damit meine ich, dass das m.E. bei uns immer ein Ausdruck ist, wie zufrieden wir uns sonst in der Beziehung fühlen, aber keine absolute Lustlosigkeit oder ein Grundsatzproblem unserer Ehe, das sich nicht mehr lösen ließe. Ich bin völlig durcheinander und wäre wirklich für jede Einschätzung der Situation dankbar. Unser Kind hängt sehr an seinem Vater, ich kann mir nicht vorstellen, ohne es zu leben, nachdem ich nun 6 Jahre lang mich fast nur um das Kind gekümmert habe, aber es gäbe von seiner Seite aus garantiert massive Widerstände, wenn es ohne Papa leben soll (natürlich dürften sich beide so oft es geht, sehen, aber nach einer Trennung würde das einfach aus finanziellen/praktischen Gründen schwierig..) Bitte helfen Sie mir, ich fühle mich so leer und niedergeschlagen, obwohl ich mich ja auch freuen könnte. Gestern hat er mir immerhin unaufgefordert die neue SMS von ihr gezeigt, in der sie schreibt, dass sie "wohl verloren hat, weil sie zu langsam war". Aber was ist davon zu halten? Entschuldigen Sie die lange Ausführung, aber es war einfach ein ständiges Hin - und Her...Elzie |
Liebe Elzie,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich glaube, Sie müssen diese
Eskapaden Ihres Mannes nicht allzu ernst nehmen. Allerdings
dürfen Sie ihm dies auf keinen Fall zeigen! Verstehen Sie? Ich
meine, insgeheim sollten Sie sich eigentlich ziemlich sicher
fühlen können, dass Sie gegenüber der anderen Frau als
"Siegerin" aus dieser Krise hervorgehen werden. Es
spricht aus meiner Sicht alles für Sie und Ihren Mann: das
gemeinsame Kind, die vielen gemeinsamen schönen Jahre, der
beiderseitige Wille, es nicht zum Äußersten (zur wirklichen
Trennung) kommen zu lassen, die finanziellen Erwägungen, die
"Öffentlichkeit", Ihr überlegter und differenzierter
Umgang mit der Situation - kurz, die in vielen Jahren bewährte
Liebe zwischen Ihnen beiden.
Aber nach außen hin sollten Sie ruhig etwas kräftiger auf die
Pauke hauen. Sie sollten Ihrem Mann noch deutlicher machen, wie
ernst er Sie gekränkt und Ihr Vertrauen verletzt hat. Seien Sie
nicht zu großmütig mit ihm. Dass Sie trotz dieser quälenden
Unsicherheiten, die er Ihnen zumutet, mit ihm schlafen, ist
vielleicht schon ein Schritt zu weit. Er glaubt dann ja, dass es
Ihnen alles gar nicht so viel ausmacht. Männer in seiner Lage
brauchen von ihren Frauen klare Botschaften und deutliche
Entscheidungshilfen: "Ich liebe dich, und gerade deshalb
verletzt es mich sehr, was du tust." Sie müssen sich ja
nicht äußerlich trennen, aber eine (vorübergehende) innerliche
Trennung würde es Ihrem Mann deutlich machen, dass er den Bogen
überspannt hat.
Mein Eindruck ist
also, dass Ihre Ehebeziehung nicht wirklich bedroht scheint.
Deshalb sollten Sie aber gegenüber Ihrem Mann erst recht
"stinksauer" sein. Es liegt an ihm, Ihr Vertrauen
wieder zu gewinnen. Und das dürfen Sie ihm nicht allzu leicht
machen. Sonst spürt er keine wirkliche Reue. Die Liebe zwischen
Ihnen beiden kommt erst dann wieder vorbehaltlos zurück, wenn
Sie beide mal so richtig emotional in die Knie gegangen sind und
sich danach so richtig wieder umeinander bemühen mussten. Haben
Sie ihm schon mal eine richtige Szene gemacht, Porzellan
zerschmissen oder die Haustür von innen verschlossen, wenn er
weg war, oder gedroht, alles seiner Mutter zu stecken, oder ein
paar Tage ohne Nachricht im Hotel verschwunden? Irgendetwas
Drastisches, dass ihn spüren lässt, wie weh er Ihnen getan hat?
Ich glaube, mittel- und langfristig könnte Ihre Ehe gestärkt
aus dieser Krise hervorgehen.
Dies wünscht Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt