| Sehr geehrter Herr
Schmidt, in der Hoffnung auf eine Hilfestellung wende ich mich heute an Sie. Heute vor 9 Wochen hat mein Partner sich von mir getrennt, und kann ich kann den damit verbundenen Schmerz nicht mehr aushalten. Vor zweieinhalb Jahren haben wir uns kennengelernt. Von Anfang an wußte ich (41), daß er (59) verheiratet ist. Beide lebten in getrennten Wohnungen und nach seinen Angaben verband sie ein freundschaftlichen Verhältnis nach 30 Jahre Ehe. Nach seiner Aussage sei alles geregelt ! Nach zwei Monaten unserer Bezeihung verstarb mein Vater und ich suchte Trost bei meinem Freund an diesem Abend ! Nachts verschaffte sich plötzlich seine Frau Zugang zu der (ehemals gemeinsamen) Wohnung und schlug mich zu Boden. ( Eifersucht ?) Die Schwiegermutter meines Freundes, also ihre eigene Mutter, die in der benachbarten Wohnung wohnte, rief die Polizei. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Erfahrung mit körperlicher Gewalt. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn mein Freund und die Polizei nicht dazwischen gegangen wären. Ich konnte den Vorfall nicht hinnehmen und erstattete Strafanzeige. Das Verfahren wurde mangels öffentlichem Interesse eingestellt. Seine Frau hat sich bei mir nicht entschuldigt, bis heute. Schon nach kurzer Zeit hielten die beiden wieder "freundschaftlichen" Kontakt. Dies hat mich sehr verletzt. Er sagte immer wieder zu mir, daß ich " die Nummer eins" sei und, daß er mich liebt und nicht seine Frau. Wir führten eine Beziehung zu dritt. Es saß wohl zwischen zwei Stühlen. Nachdem es immer wieder Streit darüber gab, flüchtete er sich in Heimlichkeiten...... Es fuhr mit ihr in Urlaub, zu Familientreffen, ging an seinem Geburtstag zweimal Essen ( mit seiner Frau und seinem 29-jährigen Sohn und dann mit mir.) Die beiden haben fast täglich Kontakt, und ich frage mich, warum diese Frau soviel Platz in unserem / seinem Leben einnahm. Immerweider versicherte er mir, wie wohl er sich bei mir fühlt, und wie sehr er mich liebt. Wenn es Streit gab ( z.B. heimliches Treffen mit seiner Frau), zog er sich zurück und war nicht erreichbar. Er hat den Spieß umgedreht und mich fertiggemacht, bis ich den Zustand nicht mehr ertragen konnte und nachgab. Aber wir hatten auch eine gute Zeit mit viel Vertrautheit, Fürsorge und Spaß. Wir lieben uns heute noch. Vor neun Wochen ist er gegangen, ohne ein Wort der Erklärung. Nach vier Wochen wollte er eine Aussprache. Ich konnte mich auf kein Treffen einlassen, weil ich Angst hatte, daß es eskaliert. Ich wollte mir den Schmerz nicht anmerken lassen und nicht wieder weinen. Zufällig habe ich ihn am vergangenen Wochenende doch getroffen, und es kam wie befürchtet. Ich habe mich in Vorwürfen ergossen, ihn beleidigt, wollte ihm einfach wehtun, so, wie er mich verletzt hat. Ein toller Auftritt meinerseits. Später sagte er, er liebt mich, aber er kann nicht mehr. Er hätte sich selber aufgegeben. Was meint er ? Warum kann er sich nicht entscheiden ? Seine Frau will ihn nicht zurück. Sie hat selber eine neue Beziehung. Ich bin mit meiner Kraft am Ende, betäube mich mit Alkohol und Tabletten, kann nicht Arbeiten und nicht Schlafen. Meine Tränen laufen und laufen........ Noch nie habe ich einen Mann so geliebt. Ich weiß, daß es ihm genauso geht. Er leidet wie ich. Was können wir tun? Für eine Hilfestellung Ihrerseits wäre ich sehr dankbar. Es grüßt Sie I |
Liebe I,
Ihre Beziehung wirkt sehr selbstquälend. Auch Ihr Partner
scheint in seiner Unentschlossenheit Sie und sich selbst sehr zu
quälen. Sie verlieren sich beide in einer eher aussichtslosen
und unerfüllten Liebe und können sie weder beenden noch
wirkliche Erfüllung darin finden. Vielleicht gehören Sie zu den
Menschen, die sich lieber in einer solchen Beziehung quälen und
quälen lassen, als sie zu beenden und dann beziehungslos und
einsam dazustehen. Die Möglichkeit, einen anderen Partner zu
finden, mit dem die wirkliche Erfüllung möglich wäre,
erscheint Ihnen wahrscheinlich als viel zu ungewiss.
Sie sollten sich entscheiden: Wollen Sie eine erfüllte Liebe,
dann bietet die derzeitige Beziehung wahrscheinlich wenig
Aussicht. Oder wollen Sie diese quälerische Beziehung weiter
aufrechterhalten? Dann werden Sie wahrscheinlich weiter mit viel
Seelenschmerz rechnen müssen. Aber das ist Ihnen vielleicht
lieber als gar nichts?
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt