| Hallo, es ist für mich nicht so einfach mein Problem darzulegen, weil es so schwierig zu beschreiben ist. Ich habe mich über 8 Jahre allein mit dieser Problematik herumgeschlagen und weiß nun eigentlich nicht mehr weiter, außer an Trennung zu denken, was mein Mann und ich aber eigentlich nicht wollen, so weiter geht leider auch nicht. Vielleicht können Sie mir weiterhelfen? Folgendes: ich habe meinen Mann in seiner Scheidungsphase vor 9 Jahren kennen gelernt. Da habe ich dann wohl immer alles mit den "Umständen"entschuldigt, soll heißen er hat sich schon immer so verhalten wie jetzt. Wie läuft das ab? Ich schildere mal die letzte Begebenheit. Mein Mann kommt von der Arbeit nicht nach Hause und fährt zum Grundstück unseren Hund versorgen. Das ist ja auch okay. Aber er kommt dann gar nicht nach Hause,ruft nicht an o.ä..Er kommt dann manchmal 3,4,5 oder 6 Tage nicht ohne etwas zusagen. Ich mache mir jedes mal große Sorgen, kann nicht schlafen und bin völlig entnervt. Sowas kann ich nicht verstehen. Ich habe schon so manches mal aus Verzweiflung geweint und bin völlig frustiert. Wenn ich ihn dann antreffe und zur Rede stelle, sagt er nur, "du weißt ja wo ich bin". Er hat für solche Ängste und Frust kein Verständnis. Dann streiten wir uns und ich stelle ihn vor die Alternative entweder er ändert sein Verhalten, oder ich muß mich früher oder später trennen, weil ich das auf Dauer nicht ertrage. Dann geht es eine Weile gut und beginnt wieder von vorn. Seine Gründe sind auch folgende. Wir wohnen in einem Neubau und das findet er alles beengend, er brauche frische Luft oder das Problem wird sich erledigen, wenn wir auf dem Grundstück wohnen. Er ist ein "Naturbursche" das weiß ich und will ihn auch nicht nach meinen Wünschen formen. Ich erwarte einfach etwas Verantwortungsgefühl. Er ist auch sonst ziemlich unzuverlässig. Wenn er sagt 18:00 Uhr, kann es leicht 21:00 oder 23:00 Uhr werden. Da treffen Welten aufeinander. Meine Mutter hat in ihrer Erziehung immer Wert auf Ehrlichkeit und Sorgfalt gelegt und so bin ich auch. Mein Mann hatte eigentlich keine Familie, ist bei der Oma groß geworden, die starb als er 13 Jahre alt war und hat von da an alleine gelebt. Sich selbst versorgt. Seine volljährige Schwester kam ab und an gucken ob es läuft und so ist er ohne große Ordnung und Disziplin groß geworden. Er könnte auch im Urwald überleben, das ist schon beeindruckend. Ich wußte das ja. Allerdings hatten wir Regeln aufgestellt, an die er sich oft nicht hält. Er sagt selbst, er weiß das er sie verletzt und das er mir damit weh tut, aber das vergißt er und hat später dann Angst den ersten Schritt zu machen, weil er weiß das es Ärger gibt. Er rennt oft vor Problemen weg oder geht ihnen aus dem Weg, während ich sofort eine Klärung erwarte. In solchen Augenblicken sage ich mir Feuer und Wasser gehen nicht zusammen und auch wenn wir uns lieben, was für einen Außenstehenden evtl. schwer begreiflich ist, möchte ich alles getan haben, bevor ich an eine endgültige Trennung denke. Er vertraut mir völlig und denkt das Scheidungsgerede hört auch wieder auf. Während mein Vertrauen zu ihm immer weniger wird! Ich weiß inzwischen nicht mehr was richtig und falsch ist und brauche einen Rat. Was können wir tun, um unsere Situation zu verändern. Hilft eine Therapie? Mit freundlichen Grüßen Marie |
Liebe Marie,
vielen Dank für Ihren Brief! Sie charakterisieren Ihren Mann ja
sehr anschaulich und kennen ihn genau. Als
"Naturbursche", der auch allein im Urwald überleben
könnte, fehlt es ihm nur leider an der psychosozialen
Integration und partnerschaftlichen Rücksichtnahme. Er scheint
ein arger Einzelkämpfer zu sein, der es aber wohl insgeheim
genießt, wenn Sie ihn vermissen und ihm Vorhaltungen machen,
wenn er so lange überfällig oder unzuverlässig war. Solche
äußerlich harten Einzelkämpfer haben oft eine tief drinnen
stark verletzte, sehr empfindsame Seele als ehemals verlassene
Kinder. Diesen Zustand als verlassenes Kind, das alleine
zurechtkommen muss, stellt er sich seelisch unbewusst immer
wieder her, wenn er "abtaucht" und Sie hängen lässt.
Er meint das sicher nicht böse. Er "übt" nur immer
wieder das (seelische) Überleben als verlassenes Kind und
testet, ob ihn jemand vermisst. Wenn einer von Ihnen eine
Psychotherapie bräuchte, dann sicher er, aber ich glaube nicht,
dass Sie ihn derzeit dazu bringen werden, und von selber sieht er
wahrscheinlich schon gar keine Notwendigkeit. Also bleiben Ihnen
nur zwei Möglichkeiten: Entwder finden Sie sich mit seinen
"Macken" mehr und mehr (aus Liebe zu ihm) ab, oder Sie
hauen beim nächsten Mal dermaßen auf die Pauke, dass Sie z.B.
selber "untertauchen", wenn er wieder weg ist, so dass
er sich mal um Sie sorgen muss. Und Sie kommen dann nur zurück,
wenn er in eine Therapie geht oder sonstwie ganz ernsthafte
Ansätze zeigt, sein Verhalten Ihnen zuliebe zu ändern. Wenn das
nicht gelingt, bliebe nur die Trennung. Er wird dann auch alleine
(im Urwald) überleben, aber Sie?
Ich wünsche alles Gute!
Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt