| Sehr geehrter Herr Schmidt! Folgendes Problem: Ich (31) bin verheiratet, habe einen 1/2 jährigen Sohn, mein Mann (39) hat noch zwei größere Söhne, 17 und 20, die bei ihrer Mutter leben - bisher zumindest. Nun hat die Mutter den 17jährigen quasi rausgeschmissen, er hat offenbar seinen Stiefvater bestohlen, woraufhin dieser gewalttätig wurde. Sie hält zu ihrem Freund und meint, der 17jährige würde ihre Beziehung ruinieren und sich unmöglich aufführen, also wäre jetzt mal der Vater dran. Wir haben den Jungen, der weinend hier ankam, natürlich aufgenommen. Ich muss dazu sagen, dass er und sein Bruder immer viel bei uns waren, Urlaube etc., in letzter Zeit sind sie selbstständiger geworden und kommen eher zu ihrem Vater, wenn sie Sorgen haben und mit ihm reden wollen. Mein Verhältnis zu den beiden ist und war immer gut, manchmal etwas Eifersucht, insgesamt aber entspannt. Diesmal ist die Lage aber doch anders, weil ich nicht weiß, wie alles weitergeht und welche Position ich beziehen soll. Ich bin z.Zt. mit dem kleinen Sohn zuhause, wir sind im Frühling in ein altes Haus im Grünen gezogen, vorher hatten wir 1 Jahr lang Baustelle - und jetzt genieße ich es sehr, mich endlich auf den Kleinen konzentrieren zu können. Aber mit dem 17jährigen im Haus ist unser Rhythmus einfach durcheinander und ich habe das Gefühl, keine echte Intimsphäre mehr zu haben. Nachdem er hier keine Freunde hat, ist er tagsüber fast immer bei mir. Am Abend u. Wochenende, wenn mein Mann daheim ist, fehlt mir aber auch die gewohnte Intimität zu dritt. Eine echte Diskussion aller Beteiligten ist bisher leider nicht in Gang gekommen, und die Mutter der Großen scheint es auf ein Machtspiel anzulegen (ruft meinen Mann nicht zurück etc.). Mein Mann sitzt zwischen den Stühlen, er kann seinen Sohn nicht in Stich lassen, weiß aber, dass es ohne mich nicht geht. Ich habe das Gefühl, alles liegt an mir, und das macht mich unglaublich wütend. Der Junge tut mit leid, deshalb kann ich mich ihm gegenüber nur liebevoll verhalten, aber die beteiligten Erwachsenen scheinen diese Gutmütigkeit falsch zu verstehen. Jetzt kriselt es auch zwischen meinem Mann und mir, weil er meint, ich müsse wissen, ob ich den Jungen auf Dauer hier wohnen lassen kann/will oder nicht, damit er mit der Mutter sprechen kann. Ich weigere mich aber, solcherart Verantwortung zu übernehmen. Außerdem weiß ich es einfach nicht und bin nicht bereit, mich voreilig zu einer Entscheidung drängen zu lassen. Ist das falsch? Wenn die Mutter den Jungen nicht mehr sehen will, habe ich ohnehin keine Chance, oder? Aber wie kann ich es meinem Mann, den ich so liebe, gegenüber verantworten, nein zu sagen, und was löse ich damit aus? Viele Fragen - Danke im Voraus K. |
Liebe K.;
vielen Dank für Ihren Brief! Ja, das ist eine ziemlich
verzwickte Situation nicht nur für Sie, sondern für alle
Beteiligten. Am Schlimmsten ist alles natürlich für den jungen
Sohn. Was immer bei ihm zu Hause bei seiner Mutter vorgefallen
sein mag, so hätte sich seine Mutter natürlich nicht verhalten
müssen. Andererseits sage ich Partnern von Zweitehen immer, dass
sie damit leben müssen, dass es Kinder aus einer früheren Ehe
gibt, für die man die Verantwortung nicht an der Garderobe
abgeben kann. Von daher haben Sie sicher von Anfang an mit dieser
Variante, die jetzt eingetreten ist, insgeheim gerechnet, oder
nicht? Erhofft haben sie sie sicher nicht, aber nun ist es
passiert: der Sohn Ihres Mannes will oder muss zu seinem Vater.
Was nun auf keinen Fall passieren darf ist, dass Sie und Ihr Mann sich darüber entzweien. Das ist das Letzte, was Sie, Ihr Mann, ihr leibliches Kind und der junge Sohn brauchen können! Jetzt heisst es stattdessen zusammenstehen und eine Lösung zu finden, die für alle akzeptabel ist. Wären Sie unter Umständen bereit, die wenigen Jahre, die der junge Sohn noch bis zur Selbständigkeit braucht, mit ihm im Haus zu leben? Wenn sich dies irgendwie machen ließe, wäre es am Besten. Aber das würde natürlich von Ihnen ein Opfer verlangen. Sie müssten sich erst noch an den "fremden" Hausgenossen gewöhnen. Derzeit stört er ihre Intimität und harmonische Kleinfamilie. Aber könnte daraus nicht ein echte Freundschaft fürs Leben werden? Wollen Sie dies nicht erst einmal gemeinsam versuchen? Ich schätze Sie als eine verständnisvolle und verantwortungsbewusste Frau ein, und deshalb rate ich, das gemeinsame Zusammenleben bis zum "Absprung" des jungen Sohnes als Abenteuer zu verstehen, das man jetzt gemeinsam wagen sollte.
P.S. Bedenken Sie, dass Sie damit schon mal einen guten Babysitter zur Hand hätten!
Mut zum Abenteuer
wünscht Ihnen und Ihrer (erweiterten) Familie, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt