Sehr geehrter Herr Schmidt

ich bin männlich, 30 und bin am abschliessen meines studiums. zur zeit kann
ich mich aber nicht auf den abschluss konzentrieren, da ich total
hoffnunglos und verzweifelt bin. ich sehe alles nur schwarz und trostlos.
kurz: ich habe schrecklichen liebskummer! ich habe vor etwas mehr als zwei
jahren einen acht jahre älteren mann kennengelernt. er und ich kamen damals
direkt aus einer beziehung und waren noch nicht bereit für eine neue
beziehung. wir waren uns aber sehr sympathisch und verbrachten viel zeit
miteinander. mit der zeit wollte er immer stärker eine beziehung mit mir,
was ich aber (aus mir heute unverständlichen!) gründen immer ablehnte. ich
hatte angst meine freiheit zu verlieren, auszugehen, freunde zu treffen etc.
ich muss dazu sagen, dass er sehr eifersüchtig ist und ich mich deswegen ein
wenig eingeengt fühlte. dennoch bin ich gar nicht soooo freiheitsliebend,
wie ich mich immer gab resp. ich verstehe einfach nicht, warum ich mich
nicht auf eine beziehung mit ihm einlassen konnte. er gefällt mir
äusserlich, er ist ein sehr lebenbejahender, positiver mensch, meistens
gutgelaunt, ich liebe es, wie er kocht, seinen geschmack in mode etc. kurz:
ich habe mich nie bei einem menschen so wohl gefühlt wie beim ihm. richtig
aufgehoben und geborgen. und trotzdem hatte ich angst, mich ganz zu binden.
ich hatte sicher angst vor seiner eifersucht und manchmal hatte ich etwas
den eindruck, er liebe mich meines doch recht guten aussehens wegen. ich war
mir nicht sicher, ob er mich auch als mensch wirklich liebt...

doch nun ist geschehen, was geschehen musste: er hat sich in einen anderen
verliebt. er hat den kontakt zu mir auf eine freundschaftliche basis
herabgestuft, doch nun gehe ich fast zugrunde daran! ich merke erst jetzt,
wie sehr ich diesen menschen liebe. ich habe ihm das auch so gesagt und habe
mich auch für meinen egoismus in vielerlei hinsicht enstchuldigt. er meint,
er könne es nun nicht mehr ändern und wolle es mit seienm neuen partner
versuchen. gleichzeitig sagt er aber, tief in sich drin spüre er, dass wir
doch wieder einmal zusammen kommen werden...

ich weiss einfach nicht, wie ich mich nun verhalten soll... ziehe ich mich
zurück, ist es eine qual für mich, weil er mir so fehlt. treffe ich mich mit
ihm, ist es eben so ein qual, weil er mir nicht das geben kann, was ich mir
wünsche. ich würde es so gern ernsthaft mit ihm versuchen, aber weiss
einfach nicht, wie ich mich nun verhalten soll. einerseits hoffe ich,
andererseits signalisiert er mir ja, dass es im moment nicht möglich ist...
ich kann ihn doch nicht loslassen und hoffen auf später gleichzeitig...? ich
habe auch den eindruck, dass je merh ich mich ihm so schwach zeige, desto
mehr zieht er sich zurück. aber ich kann doch nicht stark spielen, wenn ich
mich nicht so fühle...

danke für ihre hilfe
lieber gruss
pm

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich glaube, dass Sie, wie Sie ja selber vermuten, nach dem Ende einer früheren (enttäuschenden?) Beziehung einfach noch zu viel Angst vor einer erneuten seelischen Verletzung hatten, als Sie Ihren Partner kennenlernten. Er schien ja sehr direkt und besitzergreifend auf Sie zuzugehen mit seiner Eifersucht und seinen starken Bindungswünschen, durch die Sie sich zu sehr eingeengt fühlten.Sie wollten sicher nicht so schnell vom Regen in die Traufe kommen, wie man so sagt. Sie hätten wahrscheinlich viel mehr Zeit gebraucht, um tieferes Vertrauen in die Beziehung zu ihm setzen zu können. Aber diese Zeit ließ er Ihnen leider nicht. Und nun, wo er sich anders orientiert hat, lässt er Sie am Angelhaken zappeln, wie zur Strafe, weil Sie ihn nicht so schnell erhört haben, wie er gewollt hat. Nicht die feine englische Art von ihm, oder? Und jetzt, wo er so weit weg ist, bricht bei Ihnen die Liebe aus, jetzt, wo Ihnen sozusagen nichts passieren kann, wo nichts Ernstes daraus werden kann. Das kenne ich aus vielen Beziehungen: Sobald es ernst zu werden droht, zieht sich ein Partner zurück, aus Angst, enttäuscht zu werden, wenn er sich ernsthaft einlässt. Und sobald er sich zurückgezogen hat, vergeht er vor (ungefährlicher) Sehnsucht.

Ich finde, Sie sollten mal in sich hineinhorchen, ob er sich Ihnen gegenüber nicht doch sehr egoistisch verhalten hat und noch verhält. Sie haben eigentlich Grund, ziemlich wütend auf ihn zu sein. Wer Sie wirklich liebt, lässt Ihnen die Zeit, die Sie brauchen. Er setzt Sie doch nicht so unter Druck und lässt Sie am Schluss auch noch völlig in der Luft hängen und am ausgestreckten Arm vertrocknen! Ich glaube, Ihr anfängliches Gefühl, dass er vielleicht doch nicht so sehr an Ihnen als Mensch interessiert war, sondern nur an Ihrem guten Aussehen, hat Sie nicht getäuscht.

Also wenn Ihnen das einleuchtet, was ich vermute, seien Sie richtig sauer auf ihn!!! Das bringt Sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und stärkt Ihr Selbstwertgefühl. Sie sind doch nicht wirklich auf jemanden angewiesen, der sich so schofel verhält und Sie so schlecht behandelt. Nicht wahr?
Seien Sie stolz! Denken Sie an Ihr Studium!
Herzlichst, Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt