Lieber Herr Schmidt,
ich habe einige Ihrer Statements gelesen und ich finde alles, was Sie im
Forum schreiben sehr treffend. Nun zu mir: Bin 33 undhabe eine zweijaehrige
Beziehung mit Chantal (Name geändert), die drei Jahre juenger ist, hinter mir
(?). Die Sache begann bei der Arbeit und hat uns beide total erwischt. Ich
steckte noch in einer anderen Beziehung, die allerdings zu diesem Zeitpunkt eher
eine platonische Freundschaft war. Dennoch konnte ich diese Ex 5 Monate nicht
wirklich verlassen, sondern liess die Sache (typisch Mann) eher auslaufen.
Zwischen Chantal und mir entstand dann eine Beziehung, wie sie im Laufe meines
Lebens nun noch nie vorgekommen ist. Es war immer ein Feuerwerk der Gefuehle,
die interessantesten Gespraeche, der beste Sex und vor allem: der
perfekteste Einklang in Sachen Humor. Natürlich gab es auch viele Reibereien. Es kam
gelegentlich zu lautstarken Auseinandersetzungen, an denen vor allem ich meine
Grenzen der Belastbarkeit erfuhr, aber auch viel lernte, weil ich im Grunde
ein sehr friedfertiger Mensch bin. In unsere Beziehung wurde laut ihrer
Aussage von ihr viel hineinprojeziert. Sie stammt aus bestem Hause, allerdings ist
der Vater ein sehr einflußreicher Industrieller und scheinbar ein für sie
übermachtiger Despot und die Mutter eher das Opfer. Sie hat zwei Brueder, die
sie in der Kindheit vor der Familie beschuetzte. Nach aussen ist sie immer der
netteste Mensch der Welt, macht sich um jeden Sorgen und
hilft wo sie kann. In der Beziehung ist sie unglaublich streitsuechtig und
hatte hohe Erwartungshaltungen an mein Verhalten, diese wurden allerdings
nicht offen artikuliert, sondern es wird eher "getestet", wann ich welche
Reaktion bringe, die sie sich erhofft - nun, ein bisschen Spielen schadet eigentlich
nicht, dachte ich mir immer. Nun schlug der Geschlechterkampf scheinbar bei
uns beiden voll zu: Je mehr sie erwartete, desto weniger konnte ich davon
geben. Nun halte ich mich fuer einen relativ selbstbewussten und
entscheidungsfaehigen Typen, der sein Leben seit langem selbst in die Hand nimmt, der
allerdings auch Freiheiten fuer sich beansprucht (Zeit fuer Sport, Freunde, Job
etc.) und auch mal ein Wochenende alleine verreist oder bei einer gemeinsamen
Radtour auch mal voraus fährt. Das Gegenteil ist bei ihr der Fall, sie leidet
unter einem geringen Selbstwertgefuehl, die Ursache liegt wohl vor allem im
Uebervater und der Familienkostellation begruendet. Jedenfalls war ich wohl eher
die Ausnahme unter ihren Beziehungen, in denen sich bisher (und scheinbar
auch jetzt wieder) scheinbar eher Maenner befanden, die ihr relativ
bedingungslos zu Fuessen lagen. Die Kommunikation wurde jedenfalls immer schwieriger. Es
kam manchmal vor, dass sie sich "abgrenzte" (sie müsse das tun, wie sie
sagte; vielleicht ein Tipp ihrer Thearapeutin), offensichtlich, um sich davor zu
schuetzen, mir zu nahe zu kommen. Dennoch waren wir auch nach einem Jahr oft
verliebt wie am ersten Tag, unternahmen viele aufregende Dinge miteinander
und brachten andere in schwerste Noete, wenn wir in Restaurants lange
miteinander knutschten. Vor etwa 8 Monaten trennte sich Chantal dann zum ersten Mal
von mir, nachdem ich einige Tage mit Freunden verreist war. Es sei alles zu
aufreibend, es wuerde zu viel Kraft kosten, weil ich mich nicht genug oeffnete
und sie nicht spuere, wie sehr ich sie liebe. Natuerlich brach eine Welt
zusammen und ich ging in mich und suchte nach Fehlern bei mir. Warum konnte sie
meine Liebe zu ihr nicht verstehen, es war mir unbegreiflich. Nach etwa drei
Wochen kamen wir wieder zusammen, interessanterweise nach einem staendigen Hin
und Her ihrerseits zwischen zaertlicher Annaeherung und brutaler Ablehnung
durch sie. Es hatte ein Gespraech zwischen Chantal und einem guten Freund von
mir gegeben, in dem dieser ihr sagte, wie ich eigentlich ticke. Sie sagte
spaeter, das sei der Grund gewesen, dass sie zurueck kam. Keine Ahnung, ob dies
so ist, oder ob es nur der Grund war, um nicht das Gesicht zu verlieren. Der
Auftakt des zweiten Teils unserer Beziehung war jedenfalls wieder enorm, alle
alten Lasten schienen ueber Bord geworfen zu sein. Ich machte ihr regelrecht
den Hof und ueberhaeufte sie (aus purer Freude daran, dies zu tun) mit
Geschenkchen, Gedichtchen etc. Beide Seiten waren sich sicher, dass so etwas nie
wieder passieren duerfte und dass sie ganz fest zum anderen standen. Mein
Wunsch, mit dieser Frau eine Familie gruenden zu wollen wuchs, allerdings wollte
ich noch einige Zeit verstreichen lassen, bis ich ihr das mitteilte. Nun -
Menschen aendern sich leider kaum (obwohl ich nach ihrer Aussage an meinem fuer
sie undurchsichtigen Verhalten sehr viel veraenderte) und 6 Monate spaeter
standen wir vor einem aehnlichen Problem. Diesmal erklaerte sie zuerst, sie
koenne nicht mehr, sie haette so gekaempft. Ich fand allerdings heraus, dass sie
offensichtlich einen anderen Mann traf, einen, den sie mir spaeter als "sehr
hoeflich und ganz witzig" beschrieb. Ich teilte ihr daraufhin mit, dass ich
extrem enttaeuscht sei und wartete einige Tage vergeblich darauf, dass sie
sich meldete. Schliesslich bekam sie von mir einen kurzen Brief, in dem ich ihr
im Grunde schrieb, was ich wusste und dass ich sie dennoch liebe. Ein
gespraech kam dann eine weitere Woche nicht zustande und ich vermute, dass es
diesem Typen in dieser Zeit gelang, sie davon zu ueberzeugen, er sei der
"liebevollere und tollere". Jedenfalls verkuendete sie bei unserem ersten
Aufeinandertreffen (anstatt sich zu entschuldigen) geradezu freudestrahlend, sie haette
sich verliebt. Sie wirkte sehr cool dabei und versuchte wohl, die Sache nicht
an sich rankommen zu lassen. Aber vieles was sie sagte und in den folgenden
Tagen tat, war unnoetig und wohl vor allem dazu geeignet, mich sehr zu
verletzen, sei es, um mich zu bewegen, sein es, um sich zu raechen, weil ich aus
ihrer Sicht - scheinbar in Ausuebung eines freiheitlichen Daseins - immer wieder
Dinge in der Beziehung getan haette, die sie verletzten (um sie zu
verletzen, wie sie sagte). Das Ganze ist nun 10 Wochen her. Ich zog mich zuerst einmal
zurueck, nahm 8 Kilo ab und litt wahnsinnig. Sie erhielt nach 3 Wochen einen
netten Liebesbrief, der meine Gefuehle, meine Gedanken zu Themen wie Familie
etc. klar darlegten. Mit diesem anderen Mann ist sie wohl auch tatsaechlich
zusammen. Etwa 6 Wochen nach dieser Trennung begann eine Phase, in der sie
immer wieder Kontaktversuche in meine Richtung unternahm. Es gab sms, Anrufe
und vor allem vier kurze Treffen. Diese waren alles in allem emotional immer
wahnsinnig stark, viel Witz dabei und einfach schoen. Es wurden auch
Zaertlichkeiten ausgetauscht (sonst passierte nichts) und von ihr kamen eine Reihe
offener Anspielungen zum Thema Sex, Kinder etc. - Allerdings brauchte es immer
eine Bruecke fuer Sie, um zu mir zu finden. Also: kam ich mit einer
belangslosen SMS, wollte sie telefonieren, sich treffen etc. Sie besuchte mich im Buero
oder ging mit mir Arm in Arm auf der Strasse und die Welt erschien rosarot.
An Ihrem Geburtstag sang ich ein Lied auf ihren Anrufbeantworter, was sie zu
Traenen ruehrte. Es tat gut zu sehen, dass sie offenbar nachdachte. Sie sprach
davon, dass ich sie verwirrte, immer wuesste, welchen Schalter ich bei ihr
druecken muesste, dass sie das untrügliche Gefühle hätte, wir würden noch
"viel Zeit zum reden miteinander haben" und dass man doch ueber Vergangenheit und
Zukunft sprechen muesste, alleine schon, um etwas daraus zu lernen. Ich
lehnte letzteres ab, weil aus meiner Sicht laengst alles gesagt, geschrieben,
etc. ist. Ihren "Neuen" klammerten wir in diesen Gesprächen aus, sie machte zwar
gelegentlich vage Anspielungen, dass es ihr insgesamt nicht so gut ginge,
aber ich ersparte mir Details. Natuerlich markierte sie immer das Ende der
Gespraeche. Und sie spielte: Rief nicht an, obwohl vereinbart etc. Nun sagte ich
ihr vor zwei Wochen zum ersten Mal eine Lunch-Verabredung ab, sie wurde
extrem sauer und schaffte es, mich so zu provozieren, dass ich ihr am Telefon
nochmal in aller Deutlichkeit sagte, wie mies sich sich mir gegenueber benommen
haette, wie sehr sie mich verletzt hatte. Ich liess sie wissen, dass ich sie
sehr liebe, mich aber auch schuetzen muesste. Unser letztes Treffen war dann
gestern: Wir gingen kurz spazieren, die Hitze war unertraeglich. Als wir uns
sahen, lagen wir uns wieder lang in den Armen und waren eigentlich die meiste
Zeit irgendwie in koerperlichem Kontakt. Aber irgendetwas war anders, sie
schien mir Dinge zu praesentieren, die ihr jemand geraten hatte. Einerseits
diese Zaertlichkeiten, dann aber undeutliche Signale, die mir offenbar sagen
sollten, dass wir uns ab jetzt schrittweise voneinander entfernen ("unsere
Treffen werden ja ab jetzt immer weniger impulsiv werden, oder wer weiss,
vielleicht muessen wir ja gar nicht mehr aufeinander losgehen ... allerdings waere das
ja auch total langweilig"). Dann sprach sie davon, dass wir uns tagelang
Zeit nehmen muessten, um ueber alles zu sprechen - es war jedenfalls alles
wieder sehr verwirrend. Unser nächstes Treffen letzte Woche war ein Mittagessen,
bei dem erneut alles eher unterkühlt ablief. Aber: Sie schenkte mir viele
Blumen und 2 Tageskarten für die Straßenbahn, weil wir kürzlich am Telefon darauf
kamen, dass wir beide so gerne einmal zusammen einen ganzen Tag lang mit der
Tram durch unsere Stadt fahren würden.

Ich bin hin- und hergerissen, ob ihr verhalten nun der schüchterne versuch
war, zu mir zurückzukehren oder ob es sich eher um ein sicherstellen meiner
verfügbarkeit als "fall-back-position" handelte. Hier tappe ich im dunkeln und
bin deshalb auch enorm verunsichert, was mein weiteres vorgehen betrifft.
Noch einige kleinigkeiten, ich nämlich ein paar details ausgelassen: chantal
macht seit 9 monaten eine therapie. Als die letzte Loslösung von mir
stattfand, kam ein sehr denkwürdiger satz: "ich kann nicht mehr, ich habe auch
meiner therapeutin bescheid gesagt, dass ich nach zwei jahren in dieser beziehung
nicht mehr so viel kämpfen kann. Ich bin wie ich bin und ich brauche, was ich
brauche. Und das ist eben, dass man sich immer um mich kümmert, mir immer
das gefühl gibt, dass ich etwas besonderes bin..."
Aus chantals sicht war sie diejenige, die in unserer beziehung zwei jahre
gekämpft hat. Nüchtern betrachtet meine ich, dass das aus ihrer perspektive
stimmt, allerdings liegt der grad ihrer belastbarkeit natürlich weit unter dem
anderer Menschen - sie ist zu schwach, zu zerfahren, jeder schritt des lebens
raubt ihr unglaublich viel energie. manchmal denke ich übrigens, dass der
relativ große materielle wohlstand, den sie von zuhause erfahren hat, ihre
orientierungslosigkeit eher fördert - aber das nur am rande.
Zur familienpsychologischen komponente: Ich möchte noch zwei hinweise geben:
während unserer ersten 3-wöchigen trennung im november traf ich sie einmal.
sie war damals extrem unnahbar (ähnlich unseren letzten beiden treffen) und
signalisierte mir ständig, dass es kein zurück gäbe. 14 tage später (wir waren
mittlerweile wieder glücklich zusammen) kommentierte sie in einer ruhigen
Minute ihr verhalten mit den Worten: "bei diesem treffen war ich so tapfer."
Zweitens: ein begriff, der in den letzten wochen vor unserer aktuellen trennung
immer wieder strapziert wurde, war der des "abgrenzens". Sie müsse sich
abgrenzen, weil ich das auch täte. Nur tue ich es, wie sie meinte automatisch,
während sie es bewußt tun müßte. Ich glaube, ihre therapeutin hier durchhören
zu können, oder?
Und ich glaube auch, dass mich chantal für viele dinge leiden läßt, für die
ich im grunde nichts kann, sondern eher ihr vater. Natürlich habe auch ich
fehler gemacht, indem ich teilweise die Ruhe verlor, wenn sie mir vorwarf, ich
wäre zu distanziert, das habe ich ihr im november schon gestanden und auch
daran gearbeitet (abwechselnd ist chantal der meinung, ich habe mein verhalten
verändert bzw. ich bin gleich geblieben). Diese fehler wären sicher zu 90%
vermeidbar, weil sie in erster Linie eine Frage des verhaltens und des Umgangs
miteinander betreffen. Die restlichen 10% sind allerdings kaum veränderbar,
weil man sich als Mensch nicht komplett verbiegen kann.
Nun suche ich den Weg zurück. - Und an dieser stelle erhoffe ich mir doch
noch etwas mehr sachkundigen Rat Ihrerseits. Chantal hält mich - so sagt sie -
für einen der intelligentesten menschen, den sie je traf. Sie hat auch in
vielen beruflichen situationen an meiner seite erlebt, wie strategisch ich oft
denke und denken mußte. Im moment gibt es eine reihe von anzeichen dafür, dass
sie alles, was ich in ihre richtung tue oder versuche aus ihrer sicht als
"strategie" wertet: "wie kannst du mir so einen liebesbrief schreiben und dich
dann einfach nicht mehr melden? ... warum schenkst du mir als ich mit dir
schluß mache eine alte chinesische schmuck-schatulle mit einem silberring? ...
du weißt einfach immer ganz genau, welchen knopf du bei mir drücken mußt..."
etc.  Selbst als ich ihr erklärte, dass sie es wahrscheinlich nicht schaffen
würde, mich so zu verletzen, dass ich wirklich wütend auf sie werde oder gar
den einfachen weg des hasses einschlagen könnte, entgegnete sie nur, das sei
eben meine "tour", um den anderen (also sie) mit dem problem alleine zu
lassen. Herr Schmidt, es ist tatsächlich so, dass ich ihr nicht böse sein kann,
weil ich viel zu tief in sie hineinschaue und sie so sehr liebe.
In jedem fall macht ihr mißtrauen die kommunikation sehr schwierig. Und im
grunde war sie es natürlich, die mir mit ihrem neuen typen (vor allem der art
und weise wie es geschah) anlass zu mißtrauen gegeben haben sollte. Aber da
sind wir wieder beim urvertrauen und vielleicht auch bei der projektion ihrer
eigenen unzulänglichkeiten in den partner.
Sie merken sicher bereits, wo ich hin will: Das kommunikationsproblem ist
das kardinale problem aus meiner sicht. Ich bin wesentlich konfliktscheuer als
sie. Sie bezeichnet sich selbst als "jäzornig" (vater: choleriker) und sucht
den streit oft. Ich bin selten laut, sie ist wahrscheinlich der einzige, der
es schafft, mich zum kochen zu bringen. Problematisch wird es im gespräch
immer dann, wenn sie sich in die enge getrieben fühlt - und das geht meist sehr
schnell. Die reaktanz mit der sie mir dann begegnet, macht konstruktive
kommunikation unmöglich. Daher schreckte ich von ihrem bisherigen vorschlag des
langen langen gesprächs (von dem ich mangels detaillierter informationen immer
noch nicht weiß, ob sie nicht doch nur vergangenheitsbewältigung betreiben
möchte) bisher immer abstand genommen. Ausserdem begleitet mich im moment (das
merken sie ja deutlich) eine große angst davor, mit jedem schritt fehler zu
begehen. Und ein solches gespräch könnte auch in hinblick auf vorgesagtes eine
katastrophe werden.
Aber vielleicht sind ihre Zeichen ja auch so zu werten, dass sie das lange
Gespräch und unterstreicht ihre Forderung natürlich mit aussagen wie: "Ich
habe das Gefühl, dass wir beide noch viel Zeit haben werden, um in Ruhe über
alles zu reden" und durch Aktionen wie mir letzte Woche zum Geburtstag (beim
enttäuschendsten Mittagessens meines lebens) eine blume mit zwei 24-stunden
straßenbahntickets zu schenken, nachdem sie eine woche vorher gesagt hatte, sie
würde so gerne mal einen ganzen tag mit mir bahnfahren.
Aber wie kann man mit einer solchen frau ein so wichtiges gespräch führen?
Kommt es überhaupt auf den verlauf des gesprächs an oder zählt nur der formale
akt der diskussion zur rechtfertigung ihrer vermeintlichen rückkehrwünsche?
Will sie überhaupt zurück oder ist das nur wieder eines ihrer vielen spiele,
die ich erkannt zu haben glaube?
Und: wieviel zeit kann noch versteichen lassen? Seit 10 Tagen ist ja nun
wieder Funkstille und jeder weitere Tag, an dem wir keinen Kontakt miteinder
haben, bereitet mir mehr angs, in vergessenheit geraten zu können. Es sind jetzt
drei monate seit der trennung und 10 tage seit dem letzten (ernüchternden
zusammentreffen).
Nun habe ich eine reihe von Plänen geschmiedet, wie ich verfahren könnte, um
diese Frau wiederzugewinnen: Wie finden Sie etwa folgendes?
Mein bisheriger plan war, wieder ein paar tage abzuwarten, mich nicht zu
melden. In etwa einer woche wollte ich ihr ein buch schicken, das ich über uns
beide an weihnachten angefertigt hatte. Es umfasst 120 textseiten (kurze
anekdoten aus unserer gemeisamen zeit) und 120 bildseiten (gemeinsame fotos). Es
zeigt die geschichte von uns beiden inkl erster trennung und einem liebesbrief
auf der letzten seite, der mit den worten schließt: "im rücken des buches
eingearbeitet findest du ein ticket nach venedig. Dort möchte ich zwei tage mit
dir verbringen. Wenn du diese zeilen liest, werde ich bereits dort sein.
.... Folge unserer liebe oder behalte dieses buch als abschiedsgeschenk." - die
tickets hätte ich im moment eher weggelassen, weil ich befürchte, das wäre zu
nötigend. Ausserdem haben wir bei der diskussion um die straßenbahnfahrt
bereits herausgefunden, dass die letzten wochenenden alle verplant sind.
Allerdings wäre diese aktion extrem romantisch, noch viel mehr als meine makellose
intonierung von "look vor the bare necessities", die ich zu ihrem geburtstag
vor 2 wochen auf ihren anrufbeantworter sang und die sie wirklich zu tränen
rührte.
Oder einen laaaaaangen brief:
Anstelle des gespräches könnte man doch auch alles, was einen bewegt zu
papier bringen. Das hätte den vorteil, dass sie es in ruhe lesen kann, ohne
auszuticken. Allerdings würde dort nur drin stehen, was ohnehin bereits gesagt
ist. Und es wäre natürlich auch nicht das persönliche gespräch, das sie implizit
fordert.
Oder taktik:
Oder wäre es schlau, sie eifersüchtig zu machen? Oder - letzter plan: ein
kurzer abschiedsbrief. Es gab einige Anzeichen dafür, dass der vollständige
verlust meiner person für sie mit das schlimmste wäre. Daher wäre ein "ich
konnte mir zwar nicht vorstellen, dass man durch die von dir gewählte art eine
beziehung beenden kann ... aber wie mir scheint, gelingt es dir ja doch. Melde
dich bitte erst wieder, wenn du dich durchgerungen hast, diesen typen zu
verlassen... ich liebe dich" - tja, dann bliebe nur noch warten und hoffen.
Mann o mann bin ich verwirrt.
Aber ich habe nach nun drei Monaten gemerkt, wo ich hingehoere und wo ich
hinmoechte. Ich weiss, diese Liebe ist stark und unerschuetterlich und weiss,
Liebe ist nicht das Einzige, was es fuer eine intakte Beziehung braucht. Einen
Grossteil der Voraussetzungen fuer ein glueckliches Beisammensein erfuellen
wir beide, nur in einem Punkt, da scheint es zu hapern - dieser waere aus
meiner Sicht aber loesbar. Das Vorgefallene zu verzeihen, ist kein grosses
Problem fuer mich, dafuer ist die Liebe unerschuetterlich genug. Aber: Wie bekomme
ich Chantal wieder? Ist es eher, indem ich mich entziehe und ihr klar sage,
warum? Ist es das lange Gespraech? Ist es der Wiedereinstieg durch gute
Stimmung, die man durch diese netten kleinen Treffen verbreitet? Oder ist es eine
Mischung - in der richtigen Dosis? Welcher Weg fuer mich der leichteste
waere, steht fest. Aber ist das auch der erfolgsversprechendste hinsichtlich des
Zusammenkommens?
Für Ihre geschätzte Antwort danke ich Ihnen bereits heute - Vielen Dank!
John

Lieber John,
nach dem Lesen Ihres Briefes glaube ich Ihre Partnerin besser zu kennen als Sie. Über Ihre Partnerin und deren Verhalten schreiben Sie sehr differenziert, aber über sich selbst nur sehr indirekt. Sie wollen offenbar mit mir "von Mann zu Mann" über Ihre Partnerin sprechen. Kann das sein? Ihr ganzes Denken scheint um die Person Ihrer Partnerin zu kreisen, wobei man den Eindruck eines Karusells gewinnt, das sich um sich selbst dreht, ohne Anfang und Ende, einfach nur immer weiter. Kann es sein, dass Sie Ihre Partnerin besser kennen und genauer beobachten, als sich selbst? Liegt hierin vielleicht auch für Ihre Partnerin ein Problem mit Ihnen? Konzentrieren Sie sich nicht vielleicht ein wenig zu sehr auf Ihre Partnerin? Das kann ihr ja durchaus Angst machen, wo sie möglicherweise ja sowieso ein Nähe-Distanz-Problem aus ihrer Familie mitbringt.

Sie vermuten, die Therapeutin Ihrer Partnerin habe ihr geraten, auf Distanz zu Ihnen zu gehen. Das könnte ich Ihnen eigentlich auch empfehlen: einmal auf Distanz zur Partnerin zu gehen und sie nicht weiter emotional zu bedrängen und zu beeindrucken (z.B. mit Ihrem Buch). Ihre Beziehungsschilderung macht auf mich einen überdrehten, überhitzten, überanstrengten Eindruck. Lassen Sie alles doch mal etwas abkühlen. Ein kühleres Herz und ein kühlerer Kopf könnten Ihnen weiterhelfen, wieder den Boden der Tatsachen zu finden. Man kann an eine Liebesbeziehung nicht so taktisch oder strategisch herangehen, wie Sie glauben.

Also: Alles nüchterner und kühler herunterfahren! Finden Sie doch am Besten erst einmal zu sich selbst und Ihrem Alltag. Alles andere, was Ihre Partnerin betrifft, wird sich dann so oder so von selbst ergeben. Sie haben es sowieso nicht völlig in der Hand.

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt