| Sehr geehrter Herr
Schmidt, ich weiß nicht was ich wirklich will, bzw. was ich tun soll. Ich bin 25 Jahre alt und mit meinem Mann 7 Jahre zusammen, davon 3 Jahre verheiratet. Als ich mit 22 Jahren geheiratet habe, war mir die Sache nicht ganz "geheuer". Ich wollte so jung nicht verheiratet sein, wollte nie sagen :"mein Mann", was bis heute geblieben ist...Ich habe mich nicht richtig auf den Tag gefreut, zumal wir die Sache mehr oder weniger heimlich durchgezogen haben und es hinterher auch viele Klagen und Vorwürfe von Verwandten und Freunden gab. Alles in allem habe ich keine gute Erinnerung an die Hochzeit. Das ungute Gefühl habe ich damals auf normale Angst geschoben. Zur Vorgeschichte muss ich sagen, dass ich mich in meiner Jugend nie richtig "ausgetobt" habe. Ich hatte keine andere richtige Beziehung vor ihm. Mein Mann ist mir gegenüber immer sehr zuvorkommend. Er würde alles für mich tun und liebt mich sehr. Trotzdem habe ich nachdem wir ein Jahr verheiratet waren eine Art Krise bekommen. Mir war alles zu eingefahren, zu langweilig. Zu dem Zeitpunkt lernte ich jemanden anders kennen, was aber auf rein freundschaftlicher Basis geblieben ist. Als mein Mann davon erfuhr war er rasend eifersüchtig. Dass überhaupt nichts zwischen dem anderen Mann und mir passiert ist, hat ihn nicht interessiert. Ich habe nach der Geschichte ernsthaft überlegt, mich zu trennen. Die Angst vorm Alleinsein und vor allem Neuen hat mich jedoch davon abgehalten und es hat sich alles wieder eingerenkt. Bis zu diesem Sommer. Ich hatte gedacht, es wäre alles wieder im Lot, aber die Gedanken, dass ich nun bis zum Lebensende an der Seite von ihm sein sollte, haben mir irgendwie die Luft genommen. Nicht, dass er mich schlecht behandeln würde, nicht für mich da wäre oder so. Gar nichts dergleichen. Einfach nur der Gedanke nichts neues mehr kennenzulernen haben mir keine Ruhe gelassen. Dazu kommt noch, dass er einige Dinge an sich hat, die mir schon früher auf die Nerven gegangen sind. Weswegen ich mir schon Dinge umgewöhnt habe, oder einfach versucht habe darüber hinwegzusehen. z.B. ein (aus meiner sicht) übertriebenes ordnungsbedürfnis. eine weitere sache ist, dass es im sexuellen bereich für mich langweilig geworden ist. er reizt mich einfach nicht mehr im geringsten. ich verspüre überhaupt kein bedürfniss mehr danach, zu ihm zärtlich zu sein. ich weiß also auch nicht, ob ich ihn überhaupt noch liebe oder ob es gewohnheit ist. im sommer habe ich dann jemanden anders kennengelernt (momentan auch gebunden seit 6 j.). es hat sich zu einer ernsthaften affäre entwickelt. und ich weiß, dass es auf gegenseitigkeit beruht, dass daraus noch viel mehr werden könnte. ich bin hin und hergerissen...auf der einen seite habe ich einen mann, der mich liebt, der alles für mich tun würde und den sich viele frauen vielleicht nur wünschen könnten. auf der anderen seite habe ich das bedürfniss etwas nachzuholen, neu anzufangen und mich von sachen, die mich schon früher gestört haben endlich zu befreien. ich weiß einfach nicht, was ich tun soll oder was ich wirklich will. eigentlich hab ich nichtmal mehr ein schlechtes gewissen, wenn ich ihn betrüge, weil ich das gefühl habe: dies ist mein leben und ich will tun was ich will. auf der anderen seite denke ich, ich bräuchte mehr gründe um mich trennen zu wollen, als bloße langeweile und die sehnsucht nach etwas neuem. als wenn ich nicht dankbar wäre, für das was ich habe. ich hoffe, sie können mir einen rat geben oder ein bißchen "zwischen den zeilen lesen", was in mir vielleicht unbewußt vorgeht. vielen dank im voraus! |
Liebe T,
was Sie tun sollen, kann und werde ich Ihnen natürlich nicht
sagen, denn dann blieben Sie ja so unselbständig, wie Sie
offenbar sind. Sie müssen wohl oder übel selber entscheiden.
Dabei hilft es Ihnen vielleicht ein wenig, wenn ich Ihnen sage,
wie Ihr Brief auf wirkt.
Ich glaube, Sie haben Ihren Mann geheiratet, weil er es wollte,
Sie aber nicht unbedingt, jedenfalls damals noch nicht. Und jetzt
fühlen Sie sich immer noch abhängig von ihm und denken, Sie
müssten dankbar sein, dass er Sie geheiratet hat und ein
langweiliges Leben mit Ihnen führt. Kinder haben Sie
wahrscheinlich auch noch keine. Ich finde, Sie sollten jetzt fair
mit Ihrem Mann umgehen und ihm klar machen, dass Sie ihn nicht
mehr lieben und einen anderen Partner haben. Das sind Sie sich
und ihm schuldig. Vielleicht beendet dann Ihr Mann die Ehe mit
Ihnen und nimmt Ihnen damit die Entscheidung ab. Oder Sie
entscheiden sich dann endgültig für oder gegen Ihre Ehe, für
oder gegen einen Neuanfang nach dem verunglückten ersten Anlauf
in einen Ehehafen. Oder Sie suchen beide eine Eheberatungsstelle
auf und versuchen dort, alles gründlich zu besprechen und nach
Möglichkeiten zu suchen, die für oder gegen eine Fortsetzung
oder Wiederbelebung Ihrer Ehe sprechen.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt