| Sehr
geehrter Herr Schmidt, zur erst einmal vielen Dank für die Einrichtung dieser Seite, da auch ich dringend einen fachmännischen Rat benötige. Vielleicht hier erst einmal eine kurze Schilderung unserer Familiensitutation: Ich (29) bin seit 1993 mit meinem Mann (32) zusammen, glücklich, wie ich dachte. 1998 haben wir geheiratet, im Mai 2000 ist unsere Tochter geboren. Mein Mann hat eine leitende Position, ich bin in unserem Haus selbständig tätig. Beide haben wir in letzter Zeit sehr viel gearbeitet. Mein Mann arbeitet für 2 und kam dadurch manchmal erst 22.00 Uhr und noch viel später aufgrund seiner Verantwortung und Tätigkeit nach Hause. Unsere Tochter habe ich versorgt bzw. meine Eltern, zu der sie ein sehr inniges Verhältnis hat, haben sich mit um sie gekümmert. Manchmal habe ich dann auch abends gearbeitet, da der Tag unserer Tochter gehörte. Anfang September sind wir mit unseren besten Freunden, die ein Kind im Alter von 1 1/2 Jahren haben sowie mit einer anderen Freundin (29), die seit kurzem solo ist und nun wieder ziemliche Unbeschwertheit ausstrahlt, in den Urlaub gefahren. Beide haben wir uns sehr auf den Urlaub gefreut. Aber wahrscheinlich waren unsere Erwartungen bzw. vor allem die meines Mannes einfach zu hoch. Unsere Tochter wollte nicht schlafen und ahmte das Kind unserer Freunde nach, so daß sie sich auf das Alter zurückfallen ließ. Ich hatte fast die ganze Zeit Angst, daß sie aufgrund ihres "Nichtschlafens" irgendwann mal bewußtlos zusammensackt, da sie auch total übermüdet war. Wenn das eine Kind mal lieb war, hat das andere herumgebockt. Hier ist jetzt das eigentliche Problem: Nachdem Urlaub eröffnete mir mein Mann, daß er seine Freiheit wiederhaben und die Trennung möchte, da er mich nicht mehr liebt und auch nichts mehr für mich empfindet. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Es ist nicht so, daß ich dies nicht wahrhaben will, sondern kann dies aufgrund der Anzeichen, die vorher da waren, einfach nicht verstehen. Noch vor dem Urlaub rief er mich von Arbeit an, sagte, daß er nur mal meine Stimme hören wolle, daß er mir nur mal schöne Grüße ausrichten will, wir haben uns jeden Tag in den Arm genommen, abends gemütlich zusammengesessen ... - eigentlich viele schöne Dinge, die mich niemals dazu gebracht hätten, auch nur irgendeinen Zweifel an seiner Liebe zu hegen. Ich war erst wie betäubt und habe ihn gefragt, ob er nicht denkt, daß es nur der Streß im Urlaub war, daß er jetzt so denkt, aber er ist der Meinung, daß es nicht an dem ist. Für mich wäre es eine Ehekrise gewesen, aber nicht sofort das Ende unserer Beziehung. Mein Mann zog gleich noch an dem Abend, an dem er mir dies eröffnete, in ein anderes Zimmer und wollte seine Ruhe haben. Dann, ca. nach 2 Tagen, fing er an, mit unseren Freunden und sogar mit seinen Schwiegereltern, also meinen Eltern, zu reden, um irgendwie zu erklären, was in ihm vorgeht. Er erzählte auch, daß er selbst nicht so genau weiß, was mit ihm los ist. Er hat nur immer gemacht, was andere von ihm erwartet haben, damit soll jetzt Schluß sein. Ich habe ihn gefragt, ob wir eine Ehetherapie machen wollen - Fehlanzeige. Seit sich mein Mann seine Freiheit genommen hat und er endlich anfing zu reden, reden wir jeden Tag. Wir sind auch zu dem Schluß gekommen, daß wir wahrscheinlich hätten viel mehr reden oder streiten sollen (gestritten haben wir fast nie) bzw. es für den anderen kein Problem war, was für den anderen jedoch eins darstellte. Mein Mann gibt auch zu, daß er dann einfach nicht mehr reden wollte, weil ich am Anfang unserer Beziehung dann 1 bis 2 Tage nicht mit ihm gesprochen habe. Dies habe ich mir jedoch zu Herzen genommen und geändert, was mein Mann auch eingesteht. Ach ja, man könnte soviel schreiben. Jetzt sagte er mir, daß er eigentlich nie heiraten wollte; daß er aber dachte, er wolle es. Das gleiche mit dem Ort unserer Flitterwochen. Wir beide haben Kataloge über Hausboote in Paris gewälzt. Er jedoch war der Meinung, es müsse etwas ganz besonderes sein, wozu man nie wieder die Gelegenheit hat. Mein Mann wußte, daß Australien immer mein Traumland war und brachte auch noch davon Kataloge mit. Er wußte auch, daß ich unwahrscheinliche Angst vorm Fliegen habe und bis dahin noch nie geflogen war. Es hätte für mich auch ein Traum bleiben können. Im Nachhinein erfahre ich es jetzt, daß er es nur für mich getan hat, um mir eine Freude zu machen. Ich verstehe das alles nicht wirklich, warum sind wir denn nicht nach Paris gefahren?? Bis dahin hatte er nämlich behauptet, er wolle auch entweder gern nach Australien oder Amerika. Ich habe ihm gesagt, er hätte sich nicht so unter Druck setzen müssen, mir nichts beweisen müssen. Er hat sich von mir getrennt, will jedoch meine Freundschaft nicht verlieren. Er hat mir versprochen, bei Problemen nun sofort Bescheid zu sagen. Wir nehmen jetzt auf einmal mehr Rücksicht aufeinander als vor unserer Trennung. Wir leben nach wie vor im gleichen Haus. Ich komme mit der Situation nicht wirklich gut klar. Mein Mann tut so, als wäre alles in Ordnung und redet normal mit mir. Er sagte aber auch, wenn es mir zuviel wird, soll ich es ihm sagen, wenn er gehen soll. Wie kann mein Mann von heute auf morgen seine Gefühle so plötzlich abschalten bzw. mir soviel vormachen? Unser ganzes Umfeld kann es nicht begreifen. Ich hätte verstanden, wenn er gesagt hätte, er brauche mehr Freiraum, aber ich verstehe nicht, daß er, eben aufgrund der Anzeichen, die vorher da waren, nichts mehr für mich empfindet. Wenn ich Sonntags Mittag koche, denkt er, daß ich mir damit vielleicht neue Hoffnungen mache. Wovor hat er nur Angst? Warum verbietet er mir, um seine Liebe zu kämpfen? Er sagt, er hat die letzten Jahre nicht bewußt, sondern nur wie im Film gelebt. Sein Vater macht sich Vorwürfe, daß er vielleicht auch nicht ganz unschuldig ist. Mein Mann hat nie wirklich gelernt, zu diskutieren und ging Konfliktsituationen oftmals aus dem Weg. Seine Eltern ließen sich scheiden, lebten aber noch eine ganze Weile im gleichen Haus. Seine Mutter interessiert sich bis heute mehr für sich selbst, richtige Liebe durch seine Mutter hat mein Mann wahrscheinlich nie erfahren. Auch unsere Freunde kennen sie als eine gefühlskalte Person. Ich habe keinerlei Beziehung zu ihr. Gestern hat mein Mann zu mir gesagt, daß es ihm leid tut, was er mir antut, aber er kann nicht anders. Vielleicht können Sie mir helfen, meinen Mann irgendwie zu verstehen. Für mich war es bis vor ein paar Tagen nämlich noch eine tiefe, vertraute Liebe und Geborgenheit, die von heute auf morgen einfach vorbei sein soll. Ich weiß auch nicht, ob ich um ihn kämpfen soll. Kann man kämpfen, wenn der andere einen nicht liebt? Oder ist das alles nur eine Schutzbehauptung meines Mannes. Ich würde mich so wahnsinnig freuen, wenn er wieder zu mir zurückfinden würde. Ich habe ihm angeboten, daß wir jetzt, wo wir uns so ausgesprochen haben, noch mal von vorn anfangen könnten. Mein Mann will das aber nicht, da ja die Liebe nicht mehr da ist. Dann hat er auch Angst, mich vielleicht in 10 Jahren noch einmal so verletzten zu müssen. Ich habe keine Chance erhalten. Was soll ich nur tun und was geht in meinem Mann vor? Kommen jetzt die Erlebnisse aus seiner Kindheit hoch? Die Scheidung seiner Eltern, danach lebte er mit seinem Vater allein, bis dieser, als mein Mann glaube ich 16 war, vom Osten über Ungarn in den Westen floh. Viele glauben, daß das, was jetzt mit meinem Mann passiert, tief in seiner Kindheit liegt. Wir haben in den letzten Tagen über alle diese Dinge gesprochen. Wie er mich jedoch von heute auf morgen nicht mehr lieben kann, habe ich nicht verstanden und kann er mir auch nicht wirklich erklären. Ich denke über evtl. Anzeichen nach und immer wieder fallen mir nur schöne Dinge auf, die da gewesen sind. Wenn ich ihn dann auf gewisse Sachen hinweise, fragt er, warum ich mich so quäle. Soll ich ihn einfach in Ruhe lassen, versuchen, daß, was jetzt passiert zu akzeptieren oder besteht die Möglichkeit, daß mein Mann wieder zu mir zurückfinden kann? Wenn ja, wie? Wie sollen wir uns gegenüber unserer Tochter verhalten? Es ist doch bestimmt wichtig für sie, Liebe zwischen ihren Eltern zu spüren. Ich habe Angst, daß das, was jetzt passiert, ihrer Entwicklung schadet. Soll ich vielleicht allein zu einer Partnertherapie gehen? Ich kann meinen Mann nicht von heute auf morgen auf einmal nicht mehr lieben. Hat mein Mann die Midlifekrise? Ich freue mich auf Ihre Antwort. Wenn Sie noch mehr über mich wissen wollen, antworte ich Ihnen gern. |
Hallo,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief! Ich glaube auch,
dass das Verhalten Ihres Mannes neurotisch ist, d.h. mit den
frühen Erfahrungen mit seiner Mutter zu tun haben könnte.
Vereinfacht ausgedrückt glaube ich, er wiederholt unbewusst in
der Beziehung zu Ihnen das, was er in der Beziehung zu seiner
Mutter erfahren musste, nur mit vertauschten Rollen: Er benimmt
sich wie seine Mutter, und sie spielen seinen Kinderpart.
"Mutter liebt Kind nicht, Kind liebt aber Mutter sehr"
heisst dieses unbewusste Spiel. Wenn dies zutrifft, würde eine
Einzelpsychotherapie Ihrem Mann helfen, diese Zusammenhänge zu
erkennen und zu verarbeiten. Sie können ihm solch eine
Psychotherapie (es müsste dann eine tiefenpsychologische sein)
zwar empfehlen, aber es ist vielleicht fraglich, ob er derzeit
von sich aus eine Notwendigkeit dafür sieht. Ich finde, Sie
verhalten sich derzeit sehr liebevoll und geduldig, und wenn Sie
es so weiter halten könnten, wäre es sicherlich gut, auch für
Ihr Kind. Denn Ihr Zusammenleben getrennt im selben Haus ist
derzeit ja kein offener Krieg, sondern vielleicht nur eine
Zwischenstation auf Ihrem gemeinsamen Lebensweg. Ich glaube gar
nicht, dass Ihr Mann Sie nicht mehr liebt oder sich ernsthaft von
Ihnen trennen will. Er ist sicherlich viel mehr in einer
persönlichen Lebenskrise, bei der Sie eigentlich gar keine
persönliche Verantwortung tragen. Diese Krise hat wohl allein
mit seiner eigenen Biografie zu tun, und nichts mit Ihnen.
Ich würde ihn derzeit emotional nicht allzu sehr bedrängen,
sondern ihn einfach bis auf Weiteres wohl oder übel gewähren
lassen. Er muss alleine zu sich finden und herausfinden, wass er
wirklich will. Und das gelingt am Besten, wenn Sie ihn nicht
allzu sehr bedrängen. Wenn Sie sich emotional etwas von ihm
distanzieren, muss er sein unbewusstes Rollenspiel vielleicht
wieder ändern, indem er seine Liebesgefühle Ihnen gegenüber
wieder entdeckt.
Wie lange Sie ihm aber Zeit geben, um zu sich selbst zu finden,
müssen Sie selbst entscheiden. Wenn Sie nach geraumer Zeit
feststellen, dass sich nichts ändert oder er sich immer mehr von
Ihnen entfernt, müssen Sie sich irgendwann entscheiden, ob Sie
Ihrerseits die Beziehung zu ihm aufgeben müssen. Aber vielleicht
findet er ja doch wieder zu Ihnen zurück!
Das hofft mit Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt